Neue Musik mit Volldampf: Steamboat Switzerland

Ihre Konzerte sind hochpotenzierte Energiesalven: Mit der Power von Rockmusikern spielt Steamboat Switzerland seit 20 Jahren virtuose und komplexe Neue Musik. Das wirkt betörend, fast wie eine Droge.

Blick auf die Bühne: links Dominik Blum, in der Mitte Marino Pliakas, rechts Lucas Niggli.

Bildlegende: 20 Jahre und kein bisschen leise. Im Gegenteil, je lauter desto besser: Dominik Blum, Marino Pliakas und Lucas Niggli Steamboat Switzerland

Es ist ein Krampf, bis alles auf der Bühne steht: Kabel ausrollen, Verstärker schleppen, Instrumente auspacken. Noch bevor der erste Ton gespielt ist, kommen die Musiker ins Schwitzen. Aber sobald es ernst wird, merkt man von den ganzen Strapazen nichts mehr. Licht aus, Spot an – dann geht es mit Volldampf voraus.

Steamboat Switzerland ist ein Phänomen. Das Trio mit Dominik Blum (Hammond-Orgel), Marino Pliakas (E-Bass) und Lucas Niggli (Schlagzeug) steht seit 20 Jahren auf der Bühne. Aber jedes Konzert wirkt so aufregend, so elektrisierend, so mitreissend, als sei es das erste. Oder das letzte.

Abrocken zu Neuer Musik

Steamboat Switzerland zeichnet eine unbedingte Kompromisslosigkeit aus. Das Trio macht die Musik, die es für gut befindet, ohne sich einer bestimmten Szene anzupassen. Aus dieser klaren Haltung heraus hat sich der spezifischen Steamboat-Sound entwickelt: ein Mix aus unterschiedlichen Musik-Stilen, energetisch aufgeladen und virtuos interpretiert.

Dominik Blum und Marino Pliakas haben klassische Musik studiert, Lucas Niggli hat die Jazzschule besucht. Alle drei haben viel Erfahrung mit experimenteller und Neuer Musik gesammelt. Doch Anfang der 1990er-Jahre kommt der Überdruss: Warum ist Neue Musik oft so leise und bedächtig, warum wird sie so verhalten und streng aufgeführt?

Steamboat Switzerland setzt einen Gegenakzent und beginnt, die Avantgarde-Musik so zu spielen, als sei es Rock ‘n‘ Roll: mit wummerndem Bass, röhrender Hammond Orgel und brachialem Schlagzeug. Und vor allem: laut und schnell.

Dampf ablassen

Für ihre Live-Auftritte hat Steamboat Switzerland eine ganz eigene Form und Dramaturgie entwickelt. Die Konzerte dauern etwa eine Stunde, gespielt wird ohne Unterbruch, ohne Atem holen. In dieses rund 60-minütige Klangband sind mehrere Stücke eingewoben, komponierte Werke wechseln sich dabei ab mit Improvisationen.

Vor dem Konzert wird einzig abgemacht, welche Partituren auf dem Notenständer stehen, über die Reihenfolge der Stücke wird spontan während des Liveacts entschieden. Jeder der drei Musiker kann per Handzeichen, Kopfnicken, Augenblinzeln oder mit einem akustischen Zeichen seinen Kollegen mitteilen, dass er mit einem anderen Stück fortfahren möchte. Diese Wechsel spielen sich oft in schneller Folge ab. Die Musiker müssen ständig hochkonzentriert und hellwach sein. Ein grosses Gaudi – Pannen inklusive.

Zugeschnitten

Die Werke, die Steamboat Switzerland aufführt, entstehen in enger Zusammenarbeit mit Komponisten und sind den drei Musikern auf den Leib geschrieben. Die Komponisten – zum Beispiel die Schweizer Michael Wertmüller und Felix Profos oder der Engländer Sam Hayden – bewegen sich oft selbst im Grenzbereich zwischen Klassik, Rock, Jazz und Improvisation. Sie haben Lust, sich auf dieses spezielle Setting einzulassen, für ein improvisierendes Ensemble Module zu komponieren.

Und was kommt dabei rüber im Konzertsaal? Als Zuhörer nimmt man nicht – wie man vermuten könnte – ein Mosaik aus lauter akustischen Bruchstücken wahr. Im Gegenteil: Im Verlauf des Konzertes entsteht der Eindruck eines zusammenhängenden, sinnvoll durchgestalteten Musikstücks mit unterschiedlichen dramatischen Verläufen. Das ist die Kunst von Steamboat Switzerland.

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