Nick Caves grosses Trauerstück

Aus dem Schmerz über den Verlust seines Sohnes hat Nick Cave ein grossartiges Album geschaffen. «Skeleton Tree» ist düster aber voller Kraft. Im Dokumentarfilm «One More Time With Feeling» sinniert Cave über das Weiterleben nach dem Schock.

Ein Porträt von Nick Cave.

Bildlegende: Zu Nick Caves musikalischen Vorbildern zählen Bob Dylan, Johnny Cash, Leonard Cohen – sowie John Lee Hooker. Reuters

«Songs sind wie Träume, manchmal können sie Dinge vorhersagen.» Eine der Aussagen des Kultmusikers Nick Cave im Dokumentarfilm «One More Time With Feeling» (Trailer), die hängenbleibt.

Aus den Studioaufnahmen, die der Film dokumentiert, entstand «Skeleton Tree» – das bereits 16. Album mit seiner Band «The Bad Seeds». Es ist voller tiefschwarzer Bilder und besticht durch seine Kraft und schlichte Menschlichkeit, exemplarisch dafür steht der Song «I Need You» (Video), der noch lange nachhallt.

Ein Prophet im eigenen Leben

In «Jesus Alone» (Video) fällt gleich zu Beginn ein Mensch vom Himmel. Wie eine ferne Ahnung des tödlichen Sturzes seines Sohnes Arthur von den Kreidefelsen bei Brighton. Nick Caves Wahlheimat.

Im vergangenen Sommer war es passiert, mitten in den Aufnahmen. Arthur hatte mit Freunden erstmals LSD probiert. Den tiefen Sturz überlebte er nicht. Zurück blieben sein Zwillingsbruder und seine Schwester. Und die Eltern, Nick Cave und Susie Bick.

Sie schirmten sich von der Öffentlichkeit ab, einzig der Filmemacher Andrew Dominik hatte Zugang mit seinen Kameras. Geplant war ursprünglich eine reine Dokumentation der Studioaufnahmen, doch man kam überein, dass es mehr sein sollte. Ein Ventil für Nick Cave, seine Gedanken, seinen Schmerz. Gedreht in Schwarzweiss und 3D – aber so flüchtig, wie das Glück: nur an einem Abend in den Kinos zu sehen. Bis jetzt jedenfalls.

«Ich trage Arthur in meinem Herzen – aber er lebt nicht mehr»

Wie darüber sprechen, ohne dass das Geschehene zur Plattitüde verkommt? Der Survivor, der schon viele eigene Schicksalsschläge überstanden hat, kommt hier ins Wanken.

Er berichtet von unbekannten Menschen, die ihn im Supermarkt und auf der Strasse ansprechen. Gutgemeinte Worte des Trosts. Dass der Sohn doch im Herzen weiterlebe. Trotzig wehrt sich Cave gegen solche hilflosen Versuche. Er trage seinen Sohn sehr wohl im Herzen, aber leben tue dieser nicht mehr.

«Ich glaube, ich verliere meine Stimme, meine Erinnerung, mein Urteilsvermögen», sagt Cave einmal. Und er macht sich Sorgen um seine Erscheinung. Seine Tränensäcke im Spiegel, der Regisseur sage, er sehe aus wie ein ramponiertes Denkmal. Mal fragt er seinen Mitmusiker, ob die Frisur auch richtig sitzt. Mit einer der komischsten Momente, die der Film glücklicherweise auch hat. Sonst wäre er wohl ziemlich schwer zu ertragen.

Der Mann in Schwarz trägt dunkelschwarz

Denn Cave ist zwar stets in feinem Gewand gekleidet, steht aber doch entblösst vor seinem Publikum: «Wann bist du ein Objekt des Mitleids geworden?» Nie hätte er zu einer Kamera über seinen Schmerz sprechen wollen. Nun tut er es trotzdem.

Diesen Widerspruch muss man aushalten können. Dann eröffnet sich einem die innere Welt eines der grössten Songwriters unserer Zeit.Was ihm jetzt aber widerfahren ist, das lasse ihn und seine Familie nie mehr los. Wie ein Ring oder ein Zaun, der sie straff umfasst. Das Leben geht weiter, es kann okay sein, aber das Geschehene lässt sie nie weit weg kommen.

Was Cave als «extrem schädlich für den kreativen Prozess» beschreibt, wird letztlich aber zum Gewinn für die Musikhörer. «Skeleton Tree» ist sein alles überdauerndes Zeugnis dieser Zeit – Nick Caves grosses Traueralbum.

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