Nix Neues: Der Wettstreit der goldenen Kehlen

Der musikalische Wettstreit ist fester Bestandteil der TV-Unterhaltungsmaschinerie. Aber eine Erfindung von heute ist er nicht. Schlaglichter auf die Geschichte des Wettstreits im Gesang – von der griechischen Mythologie bis zum Zickenkrieg.

Roberto Sacca in Richard Wagners Oper «Die Meistersinger von Nuernber» in Salzburg, 2013.

Bildlegende: Scheitert in der ersten Runde am Casting: Walther von Stolzing in «Die Meistersinger von Nürnberg». Reuters

Seit zehn Jahren beherrschen Castingshows unsere TV-Sender: Wer ist die Beste, der Beliebteste, die Coolste? Bei «X Factor» wird das auch in einem Gesangsduell im Ring ausgefochten. Vorab sieht man eine etwas komische Kampfansage oder angedeutete Fausthiebe, auf der Bühne herrscht dann doch ein braves Miteinander. Ganz anders im Hip Hop. Die Battle-Raps schlagen nicht ungern unter die Gürtellinie. «Dissen» ist hier angesagt, also den Gegner möglichst fantasievoll runterputzen. Auch im Reggae gibt's diese Duelle. Singjay Clashes heissen sie dort. Eine Mischung zwischen Singen und DJing. Und wie beim Hip Hop geht es um Ehre und Ruf und darum, das Publikum auf seine Seite zu bringen.

Brutale Wettkämpfe schon in der griechischen Mythologie

Stimmwettkämpfe – eine Erfindung unserer Zeit? Nicht im Geringsten. Schon in der griechischen Mythologie sind die musikalischen Kämpfe zu finden. Ein Beispiel: Das Gesangsduell zwischen den lieblich zarten Musen und den dämonischen Sirenen. Hera, die Schwester und Ehefrau von Zeus hat zum Duell angestiftet, das die Musen im Handumdrehen für sich entschieden haben. Der Preis: Sie rupften den Sirenen die Flügel und verbannten sie ins Meer, wo sich ihr Leben fortan darauf beschränkte, mit ihren Stimmen Seeleute anzulocken und zu töten.

Ein anderes, etwas älteres Gesangsduell: Der Sängerkrieg auf Wartburg. 1206 fand in Thüringen ein musikalischer Wettstreit statt – ob er wirklich stattgefunden hat, ist aber nicht belegt – die Sage jedenfalls beschreibt, dass sich sechs der berühmtesten Minnesänger, darunter Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach, vor dem thüringischen Landgrafen stritten, wer dem Fürsten auf die beste Weise schmeicheln kann.

Schnulzen-Wettstreit bei Wagner

Tannhäuser und Venus

Bildlegende: «Abgelost»: Tannhäuser wird vom Contest ausgeschlossen. Wikimedia

In seiner Oper «Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg» hat Richard Wagner diesen Wettstreit unsterblich gemacht: Sein Protagonist meldet sich auch für einen Sängerwettstreit an, um Eindruck bei seiner Herzensdame Elisabeth zu machen. Über Liebe sollen die Teilnehmer singen, aber so schrecklich einfältig wie sie dies tun, bringt den Liebesfachmann Tannhäuser in Rage. Noch bevor er an die Reihe kommt, wird er vom Wettbewerb ausgeschlossen. Kein Happy End für die Liebe: Tannhäuser und Elisabeth werden nicht zusammenfinden.

Wagner war ein Fan von musikalischem Wettstreit. Auch seine Oper «Meistersinger von Nürnberg» handelt von einem Wettbewerb mit grosser Siegesprämie: Eva, die schöne Tochter des Goldschmieds. Für den jungen Walther von Stolzing genau das richtige. Aber um den Wettbewerb zu gewinnen, muss ihn erst mal die Meistersinger-Zunft aufnehmen. Mit seinem etwas gar unkonventionellen Lied aber scheitert er im Casting. Es gibt nämlich klare Regeln, die er nicht befolgt hat. Dank dem Schusterpoet Hans Sachs lernt er diese aber doch noch. Und als er erneut antritt, fegt er seinen Mitbewerber Sixtus Beckmesser vom Platz.

Champagner gegen Coca-Cola

Gesangsduelle auf der Bühne, ja! Und Kämpfe neben der Bühne? Die gibt's auch. Prominentestes Beispiel. Das Primadonnenduell Maria Callas vs. Renata Tebaldi. Beide waren an der Mailänder Scala engagiert. Und schnell ging es um die Gunst des Publikums. Ausgefochten haben die beiden Diven den Kampf über die Medien. «Meine Bewunderung für Renata könnte nicht grösser sein», sagte Maria Callas in einem Interview, «wenn ich sie gut singen höre, bin ich die Erste, die ihr Beifall zollt. (…) Sollte die Zeit kommen, in der meine liebe Freundin Renata an einem Abend Norma oder Lucia oder Anna Bolena singt und an einem anderen Traviata oder Gioconda oder Medea – dann, und nur dann, werden wir Rivalinnen sein. Andernfalls ist es so, als würde man Champagner mit Cognac vergleichen. Nein – Champagner mit Coca-Cola.»

Renata Tebaldi liess das nicht auf sich sitzen und konterte: «Sollte ich kein Rückgrat haben, so habe ich das, was Maria Callas nie haben wird: ein Herz.» Der Klügere gibt nach? Genau. Renata Tebaldi zog es an die New Yorker Metropolitan Opera.

Noch mehr Diven

Diese beiden Damen haben Vorläuferinnen: Die Diven Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni. Wobei – diese beiden Sopranistinnen im London von 1726 sollen noch einen Schritt weitergegangen sein: Georg Friedrich Händel war verantwortlich für dieses Duell, denn er liess in seiner Oper «Alessandro» die beiden besten Primadonnen als gleichberechtigte Gegenspielerinnen auftreten. Schon im Voraus hatte die Presse einen Zickenkrieg propagiert. Und das sensationslüsterne Publikum sollte auf seine Kosten gekommen sein: Die beiden Primadonnen gingen aufeinander los und prügelten sich auf offener Bühne. Einige Tage später wurde die Oper vom Spielplan gestrichen. Es hiess, der Titelheld sei verärgert gewesen, dass er wegen den beiden Rivalinnen nicht genug Aufmerksamkeit erhalten hätte.

Ein Wettbewerb auf einem Luxusdampfer

In der Klassik gibt es zahlreiche Gesangswettbewerbe: Ein besonders skurriler ist die «Stella Maris Competition». Es ist ein Gesangswettbewerb auf einem Luxusdampfer, auf dem sich acht Sängerinnen und Sänger in den Kategorien Oper, Lied und Oratorium messen – irgendwo zwischen dem Oman und den Seychellen. 3sat hat diesen Wettbewerb mit der Kamera begleitet und daraus etwas Ähnliches gemacht wie die Casting Shows. Wobei es da nicht in geringem Masse um Tourismus als um Kunst geht.

HörPunkt: Wahnsinn Oper

Im Jubiläumsjahr von Giuseppe Verdi, Richard Wagner und Benjamin Britten befasst sich Radio SRF 2 Kultur einen Tag lang mit dem Phänomen Oper.

HörPunkt Oper, 2. Oktober 2013, SRF 2 Kultur, 9:00 – 24:00 Uhr

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel