Drei Dinge über «La Bohème», die Sie noch nicht wussten

Wie ein Halbton einer Oper zu Weltruhm verhilft. Puccinis «Bohème» als Sozialutopie. Und noch eine steile These zu Puccinis Bühnentoden: Der Komponist hat sich von einer Leides-Faszination des Faschismus leiten lassen. Drei Trivia zu «La Bohème».

Eine Flasche Rotwein und vier Gläser auf einem kleinen runden Tisch.

Bildlegende: Wein in hübsch verlotterten Malerateliers: So stellt sich nicht nur Walter Benjamin das Künstlerleben vor. SRF/Patrice Gerber

    • Das Teatro Massimo zu Palermo, abgebildet auf einer alten Postkarte.

      Bildlegende: Das Teatro Massimo zu Palermo: In diesem Haus gab Enrico Caruso 1897 den Rodolfo. Wikimedia/Albertomos

      Halber Ton, voller Erfolg

      Den Durchbruch seiner Oper «La Bohème» verdankt Puccini einem berühmten Sänger und einem Halbton. Nach ihrer Uraufführung in Turin 1896 erlebte «La Bohème» ein Jahr später im neu eröffneten Teatro Massimo in Palermo ihren Durchbruch. Die Rolle des Rodolfo sang in Palermo Enrico Caruso. Weil ihm seine Arie im 1. Akt zu hoch war, erlaubte der Komponist deren Transposition um einen halben Ton nach unten.

    • Krauses Haar, runde Brille, strenger Blick: Walter Benjamin auf einer Schwarzweissaufnahme um 1928.

      Bildlegende: «Sympathisch verlotterte Malerateliers»: Walter Benjamin um 1928. Wikimedia

      Ein Hoch auf den Dachboden

      Die Bohème, also die Künstlerkolonie unterm Dachfirst, wie sie Henri Murger und mit ihm Puccini imaginierten, war für Walter Benjamin zentrales Charakteristikum der «Hauptstadt des 19. Jahrhunderts». So nannte Benjamin die Stadt Paris in seinem «Passagenwerk». Die Bohème war für ihn das authentisch soziale Charakteristikum der Epoche des Bürgerkönigs Louis Philippe. Die grossen Boulevards des Baron Haussmann dagegen dienten, laut Benjamin, zum Niederschlagen revolutionärer Barrikadenkämpfer. Und waren somit das Stein gewordene Gegenteil des sympathisch verlotterten Malerateliers von Marcello und seinen Freunden.

    • Ein Bühnenbild: Ein Mann umarmt eine Frau. Sie sitzen auf einem Haus, das so klein ist wie eine Bank.

      Bildlegende: Gut behütet: Anna Netrebko als Mimi an den Salzburger Festspielen 2012. Wikimedia/Luigi Caputo

      Faszination Faschismus

      Mimi mit dem kühlen Händchen, die entkräftete Manon, die entehrte Madame Butterfly – sie müssen, so wie fast alle Frauen in Puccinis Opern, sterben. Warum? Eine besonders steile These ist folgende: Puccini habe, so schreibt der Musikschriftsteller Jan Meyerowitz, die «vom Faschismus genährte (...) mentale Abartigkeit der Faszination angesichts des Leiden anderer» vorweggenommen. Puccini starb 1924. Sein Tod hat ihn vor einer konkreten Verstrickung in den Faschismus glücklicherweise bewahrt.