«L’elisir d’amore»: Lachen in düsteren Zeiten

Eine Flasche Zaubertrank und schon läuft alles wie geschmiert. Wenn doch alles bloss so einfach wäre. Gaetano Donizetti komponiert seine locker flockige Opera buffa «L’elisir d’amore» ausgerechnet in einer Zeit, in der es in Italien politisch kracht.

Viele Menschen gehen durch eine Pforte an dessen linker Seite «Elisir d'Amore» steht.

Bildlegende: «Elisir d'Amore» war und ist bis jetzt ein Publikumsmagnet. SRF/ Patrice Gerber

Nach dem Wiener Kongress steht Europa zwischen Reaktion und Fortschritt, zwischen Restauration und Revolution. In Italien ist es die Zeit des Risorgimento: Eine Zeit der Unsicherheit, der Konflikte und Kämpfe um Territorien und Einflussbereiche.

Ein freies, unabhängiges Italien ist das Ziel, aber der Weg dahin ist lang. Vielleicht ist es genau diese politische Unsicherheit, die das Publikum empfänglich macht für lustige Stoffe und Gute-Laune-Musik.

Ein Welterfolg

Die Entstehung von «L’elisir d’amore» fällt in diese Zeit. Die Oper ist ein Riesenerfolg bei Publikum und Kritik. Sie wird in der verbleibenden Saison, nach der Uraufführung 1832 im Teatro della Canobbiana in Mailand, noch über 30 Mal gespielt.

Zwischen 1838 und 1848 wird sie sogar zur meistgespielten Oper Italiens. Und der Erfolg hält bis heute an: In der weltweiten Opernhitliste steht sie weit oben.

Der «Liebestrank» aus der Geschichte brachte also nicht nur dem Protagonisten Nemorino Glück, sondern auch Gaetano Donizetti selbst. Seine Musik war nun gefragter denn je.

Eine echte Buffa

Zum Lachen gibt‘s in «L’elisir d’amore» tatsächlich viel: Nur schon, dass der «Liebestrank» gar kein Zaubertrank ist, sondern bloss eine Flasche Bordeaux (der Scharlatan Dulcamara gibt es im Stück sogar selbst zu).

Der nichts ahnende Nemorino trinkt sich einfach Mut an und kommt schliesslich damit zum Ziel. Eine Moral von der Geschichte könnte demensprechend sein: Trink genug Alkohol, und schon hast du Erfolg im Leben.

Urkomisch und zeitlos ist auch die Szene, in welcher Dulcamara seine Mittelchen, Beauty- und Anti-Aging-Produkte, anpreist. Selbst im Kleinen ist die Oper gespickt mit lustigen Details: Der Name der Tenorhauptrolle «Nemorino» etwa bedeutet «Der kleine Niemand».

Und Donizetti trägt mit seiner eingängigen, schmissigen Musik, mit Überraschungen und witzigen Details, seinen Teil zum Buffo-Charakter der Oper bei.

Kontroverse um die Geschichte der komischen Oper

Der Musikwissenschaftler Carl Dahlhaus behauptete einmal, dass die Geschichte der italienischen Opera buffa mit Rossinis «Il Barbiere di Siviglia» von 1816 zu Ende gegangen war. Verdis «Falstaff» (1893) oder Donizettis «Don Pasquale» (1843)» seien nur noch posthume Ausnahmeerscheinungen dieses Genres.

Auf den ersten Blick mag das stimmen: Wer kennt heute noch mehrere Opere buffe aus dem fortgeschrittenen 19. Jahrhundert? Und ausserdem passen einhellig lustige Stoffe ja auch nicht wirklich zum Herzschmerz und zur Fantastik des romantischen Zeitgeists.

Es gibt aber auch eine andere Sicht auf die Opera buffa im 19. Jahrhundert: Der Musikwissenschaftler Francesco Izzo hält fest, dass im zweiten Viertel des Jahrhunderts in Italien zwar insgesamt weniger lustige Opern produziert wurden.

Aber er betont auch, dass es an italienischen Theatern trotzdem noch sehr viele neue Opere buffe zu sehen gab. Das Teatro nuovo in Neapel etwa brachte gemäss Izzos Forschung zwischen 1830 und 1850 dutzende komische Opern zur Uraufführung.

Auch schon etwas ältere, beliebte Opere buffe (wie Rossinis «Barbiere») wurden wieder aufgenommen und sogar häufiger gespielt als etwa Bellinis tragische «Norma». Das Publikum wollte also nach wie vor auch lachen im Opernhaus, nicht nur weinen.

«L'elisir d'amore» kurz erklärt

Video «Wein als Zaubertrank: Donizettis «L’elisir d’amore»» abspielen

Wein als Zaubertrank: Donizettis «L’elisir d’amore»

6:02 min, vom 3.8.2016

Der Opernführer

Porträt von August Schram, die Hände angehoben, mit den Handflächen gegen oben.

August Schram. SRF

Vorhang auf für Liebe, Sex und Crime. Es wird geliebt und gehasst, gefleht und verlassen, gemordet und gestorben. Das ist Oper – und das ist zeitlos. August Schram stellt Opern vor und zeigt, wie leicht man in diese magische Welt eintauchen kann.