OSI in Lugano Das letzte Radio-Orchester der Schweiz

Eine 80-jährige Tradition, ein neuer Saal und ein neuer Dirigent – doch die Zukunft des Orchestra della Svizzera Italiana bleibt ungewiss.

Innenansicht des Konzert- und Theatersaals des Kulturzentrums LAC (Lugano Arte e Cultura).

Bildlegende: Innenansicht des Konzert- und Theatersaals des Kulturzentrums LAC (Lugano Arte e Cultura). Keystone

Das Orchestra della Svizzera Italiana ist das letzte Radio-Orchester der Schweiz. Und das auch nur noch wenige Monate lang.

Aber von vorn: 1935 wurde es vom Radio RSI Rete Due ins Leben gerufen. Seither hat das Orchestra della Svizzera Italiana – kurz OSI genannt – die Musikkultur in der italienischsprachigen Schweiz stark geprägt.

Zahlreiche Konzerte wurden vom Radio gesendet, viele davon sind auch als CD-Aufnahmen erschienen. Das Repertoire ist breit: Aufnahmen von Franz Krommer bis Gion Antoni Derungs sind heute erhältlich.

Neuer Saal, neuer Dirigent

Seit 2015 hat das Orchestra della Svizzera Italiana ein neues zu Hause: das LAC, das Lugano Arte Cultura – ein Zentrum für Musik, Theater und Kunst.

Neben einem Museum für zeitgenössische Kunst beherbergt das LAC einen akustisch hervorragenden Saal, in dem sowohl klassische Musik als auch Ballett, Theater und Oper aufgeführt werden kann.

Ebenfalls seit 2015 wird das OSI von Markus Poschner geleitet. Der deutsche Dirigent wird von Musikern und Publikum hochgelobt, denn er hat das Orchester zu mehr Präzision und Klangkraft geführt.

Vorsorgliche Kündigung aller Musiker

Die Programmgestaltung der Konzerte des OSI liegt seit der Gründung in den Händen des Radio RSI Rete Due – was nicht überall gern gesehen wurde und auch zu Wettbewerbsverzerrung geführt hat. Doch damit ist jetzt Schluss: Die SRG gibt die Trägerschaft des Orchesters ab 2018 auf.

Diese Hiobsbotschaft schlug grosse Wellen. Da die Finanzierung nicht gesichert war, sah sich der Stiftungsrat gezwungen, seinen Musikerinnen und Musikern vorsorglich zu kündigen. Kurzzeitig stand das Orchester vor dem Aus.

Sprung in die Selbstständigkeit

Nach vielen Protesten in der Bevölkerung und der Musikszene wurde Anfang dieses Jahres ein Kompromiss gefunden: Das Orchester organisiert sich selbst, wird aber weiterhin vom Radio finanziell unterstützt, indem das Radio nach wie vor Senderechte für Konzerte beim Orchester einkauft.

Für das Orchestra della Svizzera Italiana bedeutet der Sprung in die Selbstständigkeit eine grosse Umstellung. Erstmals darf es seine Programme selbst gestalten, aber erstmals trägt es auch das finanzielle Risiko für seine 40 festangestellten Musikerinnen und Musiker allein.

Vielleicht werden die Konzertprogramme noch etwas gefälliger, als sie jetzt schon sind, denn das Risiko, mit schwierigen Werken sein ohnehin traditionsverbundenes Publikum zu vergraulen, kann das OSI derzeit nicht eingehen.

Ein Porträt von Markus Poschner.

Bildlegende: Markus Poschner ist seit September 2015 Leiter des OSI. Keystone

Konzerte sind sozialer Treffpunkt

Bei der Saisoneröffnung Anfang Oktober dieses Jahres wird geplaudert und gelacht im LAC in Lugano. Die Konzerte des OSI sind soziale Treffpunkte, stärker als in den kulturellen Zentren der Schweiz.

Die estnische Dirigentin Kristiina Poska eröffnet die Saison, und sie hat das OSI fest im Griff: Bei Mozarts Doppelkonzert für zwei Klaviere klingt das Orchester frisch und transparent, es spielt historisch informiert mit wenig Vibrato und schlanken Bogenstrichen.

Wenig Erfahrung mit Minimalmusic

Der Höhepunkt ist aber das Konzert für zwei Klaviere von Philip Glass: Die Solistinnen Katia und Marielle Labèque geben Gas und spielen mit viel Feuer – hier hinkt das Orchester oftmals hinterher. Es wird klar: Mit dieser Musik hat das OSI bisher noch wenig zu tun gehabt. Schade eigentlich – denn das Stück von 2015 ist grossartig und hat einen ganz eigenen Groove.

Das Orchester bei einem Auftritt.

Bildlegende: In den vergangenen Jahren beteiligte sich die SRG jeweils mit zwei Millionen Franken am Gesamtbudget des Orchesters. OSI

Für die Zukunft ist dem Orchestra della Svizzera Italiana zu wünschen, dass es den Wechsel in die Selbstständigkeit ab der nächsten Saison schafft, dass die Suche nach privaten Sponsoren erfolgreich verläuft, und dass es als Kammerorchester stärker an Profil gewinnt.

Immerhin: Chefdirigent Markus Poschner wirft aufgrund der finanziellen Kürzungen jedenfalls nicht so schnell das Handtuch. Er richtete sich einst mit diesen Worten an sein Publikum: «Qualität wird immer eine Zukunft haben.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 9.10.2017, 8.20 Uhr

Schweizer Sinfonieorchester

In einer Serie beleuchtet SRF Kultur die aktuellen Herausforderungen von acht Schweizer Sinfonieorchestern: