Oum singt kritisch, kämpferisch und klangvoll

Oum El Ghait Benessahraoui, kurz Oum, ist in Marokko längst ein Star. Berühmt wurde sie mit ihrem Debüt «Soul of Morocco». Mit «Zarabi» setzt Oum nun traditionelle Akzente, modern interpretiert. Wie wichtig diese Kombination ist, zeigt Oum auch jenseits der Musik.

Eine Frau mit opulentem Kopfschmuck vor buntem Wandteppich.

Bildlegende: Frei und kritisch, und dennoch in ihren Traditionen verwurzelt: Die marokkanische Sängerin Oum. Lamia Lahbabi

«Dieses Album ist tief in der marokkanischen Tradition verwurzelt», erklärt Oum – aber es sei trotzdem zeitgemäss. Oum wollte keine aufwändige Studio-Produktion haben. Deshalb realisierte die 1978 geborene Sängerin und Songschreiberin das Album draussen in der Wüste – dort, wo man in der endlosen Weite am besten zu sich selbst fände.

Oum sieht es als ihre Aufgabe, mit «Zarabi» das heutige Marokko mit seinen verschiedenen kulturellen Facetten zu präsentieren. Oum ist eine selbstbewusste, moderne Marokkanerin: «Meine Musik hat eine politische Dimension», sagt sie. «Ich will die marokkanischen Frauen ermutigen, ihre Meinung offen zu äussern und sich weder geistig noch körperlich einengen zu lassen. Meine Botschaft: ‹Ich kann als Frau in einem muslimischen, arabischen, afrikanischen Land wie Marokko emanzipiert und frei sein.›»

«Egal wo, egal mit oder ohne Schleier»

Oum spricht deutliche Worte. Sie führt ein Beispiel an: das Lied «Ah Wah» auf ihrem aktuellen Album. Hier geht es um die Gefühlswelt der arabischen Frauen. «Ah Wah» bedeutet: ich liebe ihn. Als Kind hörte sie oft ihre Grossmutter dieses Lied singen. Alle Frauen in ihrer Familie sangen es. In diesem Lied ist eine Frau bereit, alles für ihre Liebe zu tun. «Viele mögen glauben», sagt Oum resolut, «Frauen stehen in einem muslimischen Land nicht zu ihren Gefühlen. Doch alle Frauen haben Emotionen – egal wo, egal mit oder ohne Schleier.»

Oum ist im weltoffenen Marrakesch gross geworden. Dort sammelte sie erste musikalische Erfahrungen in einem Gospelchor, der von einem Afroamerikaner jamaikanischer Herkunft geleitet wurde. Sie sang jamaikanische Lieder und traditionelle amerikanische Gospelsongs.

Kampf gegen Klischees

Fünf Jahre lang studierte sie Architektur, machte aber die Abschlussprüfungen nicht. Nicht, weil sie Angst davor hatte, sondern zu diesem Zeitpunkt ihr Entschluss feststand: Sie wollte professionelle Musikerin werden. Die Fragen «Schön, dass du singst, aber was ist eigentlich dein richtiger Beruf?» ihrer Bekannten und Freunde mochte sie nicht mehr hören. Oum wollte allen laut verkünden: «Ich bin Sängerin und das ist mein Beruf!»

Oum gibt sich kämpferisch. Den Klischees, die marokkanische Frauen auf einen Schleier, Araber auf Gotteskämpfer reduzieren, muss sie unbedingt etwas entgegensetzen: «Die Realität verbirgt sich oft hinter einem Schleier, hinter einer Hautfarbe oder einer Religion. Es ist wichtig, jeder Person die Chance zu geben, sich selbst zu definieren. Es ist einfach, mit dem Finger auf Leute zu zeigen und sie als Islamisten oder arabische Terroristen zu bezeichnen. Da muss ich auf jeden Fall einschreiten.»

Die Marokkaner sind stolz auf Oum. Viele Generationen können sich mit mir identifizieren. Ganze Familien kommen zu ihren Konzerten. «Die verschleierte Mama singt auswendig meine erotischen Lieder zusammen mit ihrem 13-jährigen Sohn, der ein grosser Fan von mir ist», erklärt sie. Ihre Musik macht keinen Halt vor Kulturzugehörigkeit, Alter oder Konfession.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Vorabend, 11.2.16, 16:05 Uhr

Oum in Zürich

Oum und ihre Band treten am 1. April 2016 um 20:30 Uhr im Moods auf.

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