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Musik Palazzetto Bru Zane in Venedig: Schaltzentrale der Romantik

Die Fondation Palazzetto Bru Zane forscht nach unbekannter, französischer Musik des 19. Jahrhunderts. Warum das nötig ist, und warum französische Musikgeschichte ausgerechnet in Venedig umgeschrieben wird – ein Besuch in den alten Gemäuern macht's deutlich.

Eine Statue zwischen Säulen, darunter spielt ein Orchester.
Legende: Zwischen den Mauern des Palazzetto Bru Zane werden Konzerte zumindest optisch ins 17. Jahrhundert verlegt. Palazzetto Bru Zane

Immer wieder mal zieht eine Gondel hinter den Fenstern des Palazzetto Bru Zane vorbei. Tauben nisten. Vor dem Palazzetto ein kleiner Hof mit Akanthus-Bäumen, einer Zypresse, Putti und einem Brunnen, aus dem der Lavendel wächst. Eine Idylle – und eine Fabrik für Musik. Denn die Mitarbeiter des Palazzetto, des «Palästchens», sind Arbeitstiere. Seit ihrer Gründung vor fünf Jahren hat die Fondation Bru Zane Hunderte von Konzerten und Symposien veranstaltet, Dutzende Tonträger aufgenommen, Notendrucke und Publikationen herausgegeben.

Eine Industrielle hebt den reichen Schatz

Im Zentrum der ganzen Aktivitäten: die Musik des «grand siècle», also von 1790 bis 1920. Musik, die bislang selten aufgeführt wird. Streichquartette, Opern, Sinfonien und so weiter: Ein reicher Schatz wird da gehoben im Palazzetto Bru Zane.

Bunte, barocke Deckenmalereien.
Legende: Der Palazzetto Bru Zane – das «Palästchen» – trumpft mit barocker Stuck-Malerei und beglückt mit romantischer Musik. Flickr/Jean-Pierre Dalbéra

Hinter dem Palazzo steckt die reiche Industrielle und Namensgeberin der Stiftung: Nicole Bru. Die ehemalige Präsidentin der Pharmafirma UPSA ist eine der zehn reichsten Frauen Frankreichs und lebt heute in Genf. Ein Flair für Venedig, Interesse an Musik und der glückliche Kontakt mit dem französischen Dirigenten Hervé Niquet sind Gründe, warum diese Musikzentrale in Venedig steht.

Das «Palästchen», ein Nebengebäude des ehemaligen Sitzes der Familie Zane, dient seit jeher dem schönen Vergnügen. Neben einer Bibliothek beherbergt das Gebäude seit 300 Jahren einen Tanz- und Konzertsaal. Gelbbrauner Terrazzo-Boden, die Deckenfresken zeigen Herkules und spielerische Putti. Oben auf der Galerie waren früher die Musiker zugange. Unsichtbar. Heute stehen sie im Zentrum. Spielen etwa Klaviertrios des unbekannten französischen Komponisten Félicien David.

Solchen Konzerten voraus geht eine intensive Forschungsarbeit. Denn Félicien David, Théodore Gouvy, Charles-Valentin Alkan und wie diese Komponisten alle heissen, sind von der Musikgeschichte an den Rand gedrückt worden. Warum das so ist, erklärt der wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Alexandre Dratwicki: «Anders als in Italien oder Deutschland, sind in Frankreich viele Komponisten für genau ein Werk bekannt geworden. Bei David war das die Sinfonische Fantasie ‹Le désert›. Oder nehmen sie Georges Bizet: Was, ausser seiner Oper ‹Carmen›, kommt Ihnen da in den Sinn? Das ist ein französisches Phänomen. Für die Komponisten ein Fluch.»

Von der ehrvollen Aufgabe, Musikgeschichte zu korrigieren

Kommt dazu: Schrieb ein Komponist nicht à la Française und auch nicht in der Tradition des in Frankreich populären Wagnérisme, sondern bekannte sich etwa zu der deutschen Richtung eines Mendelssohn und Schumann, wurde er in Frankreich ebenfalls mit Missachtung gestraft. Dratwicki und seine Mitarbeiter versuchen nichts weniger, als die Musikgeschichte zu korrigieren, wenn sie solche halb vergessenen Komponisten neu ins Licht rücken. Dabei ist ihnen durchaus klar, dass nicht jedes wiederentdeckte Werk ein Edelstein ist. «Was macht es schon, wenn wir einmal alle Streichquartette von Théodore Gouvy durchhören? Wir verlieren ein paar Minuten unserer kostbaren Zeit, doch dann wissen wir, ob sich eine Publikation lohnt.» Wenn es sich lohnt, dann werden Noten gedruckt – damit die Musik überhaupt gespielt werden kann.

Die Stiftung unterhält ein grosses Netzwerk in ganz Europa, koordiniert Aufführungen in der Pariser Opéra comique, am Staatstheater Nürnberg, in Konzertsälen auf dem ganzen Globus bis nach Japan. Das Einzigartige an der Fondation Bru Zane ist das Zusammenwirken von Wissenschaftlern und Musikern, ist der Prozess von der Entdeckung über die Publikation bis hin zu den Konzerten, Symposien und CD-Produktionen. «Angewandte Musikwissenschaft» nennt es die Direktorin des Palazzetto, Florence Alibert.

Viel Geld für Familienkonzerte

Drei Millionen Euro jährlich kann sie dafür ausgeben. Wäre das Geld nicht besser in die serbelnde italienische Kultur investiert, wo der Palast doch schon in Venedig steht? Die Fondation sei ja eine Investition in Venedig, verteidigt sich Florence Alibert. «Die Stiftung ist nicht einfach ein chicer pied à terre in Venedig. Wir geben hier 30 Konzerte jährlich, auch solche für Familien. Wir gehen in die Schulen. Mit unseren Aufführungen tragen wir etwas zum Kulturleben von Venedig bei, das neben dem ‹Teatro della Fenice› ja nicht gerade berauschend ist.»

Die Verbindungen Frankreichs zu Venedig reichen weit zurück. Antonio Vivaldi schrieb Musik für den französischen Gesandten. Venedig war Teil der Grand Tour manches französischen Künstlers. Dass diese Verbindungen mit einer Stiftung wie der Fondation Palazzetto Bru Zane weitergepflegt werden, ist da nur natürlich. Und ein Glücksfall für das Musikleben, für die Musikgeschichte, die beide, dank Madame Bru und ihren Mitarbeitern, reicher werden.

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