Paléo: komplexer Elektro schlägt weichgespülte Hits

Sie sind cool, urban, unnahbar: Oy. Das Schweizer Elektro-Pop-Duo brachte am Paléo das Club-Tent zum kochen. Ihr Auftritt war berauschender als der von internationalen Acts wie zum Beispiel Zaz. Oy punktete mit Eigenheit und komplexer Musik.

Marcel Blatti mit Maske und Kutte, daneben Joy Frempong.

Bildlegende: Musik, die genauso tanzbar wie komplex ist. Zoe Noble/ Paléo Festival

Zahlenmässig konnte Oy die Grossen natürlich nicht übertreffen. Der Club Tent, wo das Schweizer Duo auftrat, bietet im Gegensatz zur Grand Scène der Stars keine 30'000 Plätze. Aber Oy zog die Festivalbesucher und -Besucherinnen magisch an, die sich nach Elton Johns letztem Song erst mal an den Essständen verpflegten. Intuitiv folgten sie dem Beat ins Club-Tent.

Dort ging während der nächsten Stunde der Sound ab, dass man nur so staunte: harte Elektrobeats, betörende Songs, eine seltsam schöne Schau.

Maskierte Figur am Schlagzeug

Joy Frempong, eine sehr grosse Frau mit riesiger Haarmähne, macht sich an Keyboards und Computern zu schaffen. Drei Mikrofone und ein paar kleine Puppen gehören zur Ausstattung. Links auf der Bühne ein Schlagzeug, das von einer unheimlich maskierten Figur bespielt wird. Eine Mischung zwischen Voodoo- und Schamanenpersonal. Es ist der Schweizer Schlagzeuger Lleluja-Ha, der seit einigen Jahren mit Joy Fempong auftritt.

Joy Frempong als Sängerin agiert als reale Person mit realem Namen, sie hat ghanaische Wurzeln, ist in der Schweiz aufgewachsen, spricht mehrere Sprachen perfekt, singt in Englisch und hat eine ganz eigene Musiksprache entwickelt. Sie singt, rappt oder erzählt Geschichten, zum Teil sehr kunstvoll getextet, sie nimmt sich selber auf, loopt sich, verfremdet ihre Stimme, imitiert Dialoge, schaltet gesammelte Street-Sounds dazu, die sie zu Electro-Beats verarbeitet, perfekt abgestimmt mit dem Schlagzeug, das eine weitere Ebene in das Klang –und Rhythmusgeflecht gibt.

Komplex geschichtet, aber easy zum Tanzen

Wer nun glaubt, das sei zu komplex für ein hitverwöhntes Festivalpublikum, täuscht sich: was Oy in Nyon bietet, fährt in die Beine, fasziniert optisch, auch das junge Publikum, das sich an Oy berauscht.

Erstaunlich, Musik muss also nicht simpel sein, um zu verführen. Das könnte sich die französische Sängerin Zaz zum Vorbild nehmen. Sie spielt direkt nach Elton John auf der grossen Bühne.

Musikalisch bringt die französische Musikerin keine Innovation auf die Bühne. Ihre Songs sind teilweise bis zur Schmerzensgrenze vermainstreamt, um für ein grosses Publikum zu funktionieren. Erst als auf die Mammut-Bühne eine kleine Guckkasten-Bühne gestellt wird, findet die Sängerin zu ihrer Hochform. In diesem künstlich hergestellten, intimen Rahmen, singt Zaz die Chansons, die sie am liebsten mag – und zeigt, was sie kann.

Der Französin möchte man zurufen: Oy! Mehr Mut dazu!

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