Pippo Pollina – ein poetischer Sänger mit zornigen Fragen

Pippo Pollina will Pause machen und lud zuvor zum grossen Fest ins Hallenstadion. Das «Grande Finale» zeigte noch einmal, was den Musiker und Menschen Pollina ausmacht. Eine Hommage an einen aufrechten Liedermacher, der wohltuend unzeitgemäss ist.

Pippo Pollina vor dem Mikrofon, Gitarrenband um den Hals, er trägt ein weisses Hemd und lange braune Haare.

Bildlegende: Auch im Hallenstadion sucht Pippo Pollina mit seinen Liedern die Nähe und Verbundenheit zu seinem Publikum. Keystone

Ein Liedermacher im Hallenstadion. Mutig, sagten die einen und dachten, hier sei jemand übergeschnappt. Er wird sich darin verlieren mit seinen rauen und samtenen Canzoni, die nach kleinen Räumen, nach Intimität, nach einem Gläschen Rotwein rufen.

Er steht nicht gerne im Mittelpunkt

Man möchte ihm doch in die Augen sehen können, ganz nah ranrücken an den kleinen grossen Mann mit der Gitarre. Und nun also das Hallenstadion, 7000 Leute im grössten Pop-Tempel der Schweiz. Und dabei dachte man noch, ihm wäre das alles zuwider, dieser ganze Zirkus.

Nein, grössenwahnsinnig ist er immer noch nicht. Es gibt ja kaum Musiker, die so wenig egoman sind, so ungern im Mittelpunkt stehen und ihren Auftritt derart verschwenderisch mit anderen teilen. Giorgio Conte, Eugenio Finardi, Etta Scollo, Linard Bardill, seine Kinder Julian alias Faber und Madlaina....

Eine grosse, schöne Runde und ein Publikum, das sich Jahr für Jahr auf unspektakuläre Weise vermehrt. Und es hat ja etwas Schelmisches, wenn ein ehemaliger Strassenmusiker so eine riesige Halle entert.

Durch die Hintertür ans Geburtstagsfest

Schon sein 50. Geburtstag, den er vor zwei Jahren im übervollen Zürcher Volkshaus feierte, war ein glückliches, von innen leuchtendes Familienfest mit nassen Augen und Umarmungen, einem Tropfen Melancholie und Liedern, an denen es sich gut wärmen lässt.

Am Anfang schlich sich Pollina mit der Gitarre um den Hals durch die Hintertür rein, stimmte sein «Versi per la Liberta» an und bahnte sich seinen Weg durch das Menschendickicht bis hin zur Bühne.

Das ist er: Einer, der Nähe sucht, die Verbundenheit. Niemand, der aus den Wolken predigt und anderen sagt, wie sie zu leben haben. Eher jemand, der raunt und flüstert, poetische Bilder malt und Fragen stellt, auch zornige. Aber immer am Boden und uneitel bis hinein in die zerschlissenen Turnschuhe. Ein seltenes, eigentlich fast schon ausgestorben geglaubtes Exemplar eines aufrechten Liedermachers. Vollkommen aus der Zeit gefallen oder zumindest reichlich altmodisch. Oder nicht?

Der Schmerz setzte die Segel

All das hatte er wohl kaum für möglich gehalten, als er in den Achtzigern mit seinem Gitarrenkoffer und einer Handvoll Liedern durch die Strassen zog. Weit weg von Sizilien, weil die Abscheu ihn mit aller Kraft nach Norden spülte und er angewidert war von der dummen Brutalität der Cosa Nostra.

Giuseppe Fava, Dramatiker und Chefredakteur der Zeitschrift «I Siciliani», für die auch Pollina damals schrieb, war gerade vor seinem eigenen Theater erschossen worden. Der Schmerz setzte die Segel.

Er nahm sein Interrail-Ticket, reiste, sang und beweinte den Stumpfsinn. Irgendwo hinter den Bergen blieb er hängen, weil ihm in Luzern mit Linard Bardill ein Seelenverwandter über den Weg lief.

Heute hat Pollina einen Schweizer Pass und spricht fliessend deutsch. Er mag Helvetia, diese biedere, aber anständige Dame. Sie gibt ihm das, was der Süden ihm verwehrte: Sicherheit und Schutz. Er ist kein Migrant, sagt er. Die Schweiz ist Exil und er selber ein Flüchtling, ein Schiffbrüchiger mit aller Zerrissenheit und ambivalenten Sehnsucht, die das mit sich bringt.

Er macht unser Land etwas wärmer

Seine Heimat ist irgendwo dazwischen, inmitten der Menschen, die er versammelt. «Rücken wir zusammen, denn es zünden schon die Flammen und die Dummheit macht sich wieder einmal breit», singt er in «Nuova Realtà». Im Hallenstadion widmete er es den Menschen, die gerade zu Tausenden mit dem Meer an die Küsten gespült werden wie Müll, während Kleingeister panisch poltern, weil sie ihre Existenz bedroht sehen.

Pippo Pollina widersetzt sich dem kalten Wind, der da über den Kontinent fegt. Er lädt ein, baut Brücken, breitet seine Arme aus und macht dieses satte Land etwas wärmer. Kann sein, dass das altmodisch ist. An Dringlichkeit aber ist es kaum zu überbieten.

Sendehinweis

Pollina und Orlando stehen nebeneinander, blicken an der Kamera vorbei.

Pippo Pollina und Palermos Bürgermeister Leoluca Orlando. SRF

Sternstunde Musik zeigt den Film «Pippo Pollina - Cantautore zwischen Heimaten» am 30.8. um 23.05 Uhr auf SRF 1. Felice Zenonis Porträt ist eine Lebensbilanz mit den Menschen, die Pollina genau kennen: Geschwister und Familie, aber auch sizilianische Prominenz wie der Bürgermeister von Palermo und Cantautore-Legende Franco Battiato.

Sendung zu diesem Artikel