Private Sammlungen: Raus mit den Platten aus dem Hobbykeller!

Die Popmusik ist in die Jahre gekommen – es wird Zeit, ihre Geschichte zu schreiben. Aber wie? Das Schweizerische Sozialarchiv überführt private Sammlungen von Platten und Plakaten in öffentliche Archive – und verhindert so, dass sie im Müll landen.

Eine Frau liegt am Boden, auf dem zahlreiche Vinyl-Platten liegen.

Bildlegende: Mehr als Liebhaberei: Private Platten-Sammlungen sind für Musikhistoriker ein wichtiger Forschungsgegenstand. Getty Images

  • Kulturhistoriker interessieren sich vermehrt für private Plattensammlungen und profitieren so vom Fachwissen und Archivschätzen der Sammler.
  • Das Schweizerische Sozialarchiv engagiert sich dafür, das popmusikalische Kulturgut zu erhalten – und hat bereits erste Sammlungen erhalten.
  • Sammlerin Silvia Moresi, eine der wenigen Frauen in der Sammlerszene, könnte sich vorstellen, ihren Schatz von 7000 Hardrock-Platten dereinst an das Sozialarchiv abzugeben.

Mit dem Bus ins Dorf zum Plattenkauf

Aus dem hintersten Regal ihres Hobbykellers in Rebstein im Rheintal zieht Silvia Moresi die Single «Down Down» der britischen Band Status Quo hervor. Sie geht zum Plattenspieler, legt die kleine Scheibe auf – wie ein heiliger Akt wirkt das. Dann setzt sie sich auf ihr grünes Ledersofa und nickt zu den wilden Hardrock-Klängen im Takt.

«Damit hat alles begonnen», erzählt sie. Am 20. März 1975 wurde «Down Down» in der ZDF-Fernsehsendung «disco» vorgestellt. Sie erinnert sich noch genau: «Das war ein Samstag. Am Montag bin ich dann gleich mit dem Bus in das nächst grössere Dorf ins Schallplattengeschäft gefahren und habe mir die Single gekauft.» Moresi war damals knapp 15 Jahre alt. Rebellieren wollte sie nicht: «Mir hat einfach die Musik gefallen. Aber meine Eltern waren natürlich entsetzt.»

Eine Sammlung, die lebt

«Down Down» war Silvia Moresis erste Hardrock-Platte. In vier Jahrzehnten kamen über 7000 Platten dazu – alphabetisch sortiert stehen sie in grossen Holzregalen, dazwischen Plakatrollen, ordnerweise Magazine, Backstage-Pässe, Plektren und andere Fanartikel.

Ein paar Platten sind nach vorne an die Regalkante gezogen: «Das sind die, die ich als nächstes hören will.» Silvia Moresis Passion ist lebendig. Und die Passion lenkt auch die Auswahl der Platten: «Ich kaufe das, was mir gefällt.»

Mit ihrem Schatz aus schwarzem Gold ist Silvia Moresi eine der wenigen Frauen unter den Sammlern, erst Recht aber in der Hardrock-Szene: «Als Frau war ich damals wirklich eine Aussenseiterin.» Über die Jahre hat sie sich als Sammlerin einen Namen gemacht.

Sammeln im digitalen Zeitalter

Schon seit den Anfängen des Hardrocks ist die Szene global vernetzt. Damals hat Moresi per Brief oder über Anzeigen in Fachmagazinen kommuniziert, oder weite Reisen zu Hardrock-Plattenläden in den USA gemacht.

Ein Bild eines Plattenladens in Grossbritannien.

Bildlegende: Plattenläden sind nicht nur Fundgruben für Sammler, sondern auch für Historiker. Getty Images

Heute läuft die Kommunikation über Facebook. Platten bestellt sie online und kann so viel spezifischer suchen. Musik hört sie jedoch nur analog: «Es hat für mich überhaupt keinen Reiz, Alben oder Singles nur digital zu hören. Ich muss sie besitzen.»

Bedeutung für die Öffentlichkeit

Was ist an einer privaten Sammlung nun für die Öffentlichkeit interessant? Kulturhistoriker Erich Keller von der Universität Zürich erklärt: «Wir Historiker wollen die Geschichten zu den Platten hören. Uns interessiert die Fanperspektive auf die Musik, der passionierte und emotionale Zugang, wie ihn die Sammler haben.»

Die Forscherinnen und Forscher können vom Fachwissen der privaten Sammler profitieren. Aufschlussreich sind aber auch ganz bestimmte Dokumente aus den Archiven.

Illegale Mitschnitte sind besonders wertvoll

In Silvia Moresis Keller sind das beispielsweise eine ganze Reihe unscheinbarer, handbeschrifteter Kassetten, sogenannte Bootlegs. Damals hatte sie das Tonbandgerät in die Konzerte geschmuggelt und heimlich die Record-Taste gedrückt.

Historiker und Popmusikforscherinnen sind auf solche einmaligen Zeugnisse angewiesen, sagt Erich Keller: «Viele Konzerte sind einzig durch solche illegale Mitschnitte dokumentiert.»


Schwierigkeit bei der Forschung von Popmusik

1:05 min, aus Kultur kompakt vom 10.10.2016

Vom Hobbykeller ins Archiv

Um private Sammlungen zu entdecken, aufzuarbeiten, sowie für Öffentlichkeit und Forschung zugänglich zu machen, hat Erich Keller letztes Jahr die Online-Plattform swissmusicarchives.ch mitgegründet.

Keller arbeitet dafür eng mit dem Schweizerischen Sozialarchiv zusammen. Es sei höchste Zeit, die Aufmerksamkeit auf die privaten Archive zu lenken und sie nicht nur als Liebhaberei abzutun: «Die Generation, die in den 60er-Jahren mit Popmusik bekannt wurde, stirbt jetzt langsam. Das betrifft nicht nur die Stars, sondern auch die Sammlerinnen und Sammler. Ihre Archive drohen im Müll zu landen.»

Vermachte Schätze

Erste Sammlungen wurden bereits dem Sozialarchiv übergeben: Felix Aepplis grosse Rolling-Stones-Sammlung zum Beispiel, die aus Schallplatten, Büchern, Heftchen, Plakaten und Flyern besteht. Oder die Plakatsammlung von Sam Mumenthaler, dem ersten Schlagzeuger von Züri West. Das Archiv hat sich die Plakate ausgeliehen und sie digitalisiert.

Auch Silvia Moresi macht sich Gedanken, was mal mit ihrer Hardrock-Sammlung passiert: Sie könne sich gut vorstellen, ihre Sammlung einst dem Sozialarchiv zu vermachen. Sie zieht die nächste Platte aus dem Regal und legt sie auf: «Aber so lange ich lebe, solange ich Musik höre, bleiben die Platten bei mir.»

Veranstaltungshinweis

Das Sozialarchiv engagiert sich zusammen mit Erich Keller dafür, dass popmusikalisches Kulturgut für die Nachwelt erhalten bleibt. Dazu gibt es eine Reihe von Veranstaltungen im Schweizerischen Sozialarchiv, Zürich.

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