Profitdenken macht Musik zum reinen Marketingprodukt

25 Jahre Erfahrung mit dem Musikgeschäft verdichten sich in Berthold Seligers Buch «Das Geschäft mit der Musik» zu heftiger Kritik an einer Branche, der es längst nicht mehr um Kulturvermittlung geht. Die Musikwirtschaft sei nur noch eine Investitionsmaschine, findet der langjährige Konzertagent.

Ein junger Mann vmit Sonnenbrille streckt seinen Arm aus und singt vor schwarzem Hintergrund.

Bildlegende: Erfolgreiches Produkt der Musikwirtschaft: Popstar Justin Bieber. Keystone

Lediglich drei Konzerne sind übrig geblieben, die 80 Prozent des Tonträger-Weltmarkts kontrollieren. Im Live-Musikgeschäft verhält es sich ähnlich. «Eine gigantische Monopolisierung ist im Gange», sagt Berthold Seliger, der von 1988 bis Ende 2013 zuerst in Fulda und dann in Berlin eine Konzertagentur führte und mit Musikern wie Patti Smith, Calexico, Lambchop, Pere Ubu und Bonnie «Prince» Billy arbeitete. Das Beinahe-Monopol resultiert daraus, dass die Grossfirmen reihenweise kleinere Unternehmen geschluckt haben, wie es im neoliberalen Wirtschaften üblich ist.

Porträtbild eines Mannes mit kariertem Hemd und kurzen weissen Haaren.

Bildlegende: Berthold Seliger geht mit der Musikbranche hart ins Gericht. Heiko Laschitzki

Der Musikwirtschaft gehe es längst nicht mehr darum, Kultur zu vermitteln. Sie sei bloss noch eine Investitionsmaschine. Für die Qualität der Musik und für die kulturelle Vielfalt ist das fatal, sagt Berthold Seliger. Denn das Interessante, Abenteuerliche, Widerborstige geschehe nicht im Zentrum des Geschäfts, sondern «an den Rändern».

Musik wird marktkonform entworfen

Seliger vergleicht im Gespräch die 1980er und die 2010er Jahre. Damals hat es die Leute aus Begeisterung für Musik in die Branche verschlagen. Musikfreaks gründeten kleine Firmen: Konzert- und Booking-Agenturen, Plattenfirmen, Managementbüros.

Heute dagegen sitzen in den Musikunternehmen fast nur noch Juristen und Betriebswirtschaftler an den Schalthebeln. Schon bei der Konzeption der Musik sitzt die Marketingabteilung mit am Tisch.

Das Musikgeschäft widerspiegle damit, was in der ganzen Wirtschaft, in der ganzen Gesellschaft geschehe: «Die deutsche Kanzlerin spricht von ‹marktkonformer Demokratie›. Ich denke, daraus resultiert auch eine marktkonforme Kultur», stellt Seliger fest. Die Branche habe keine Geduld mehr mit einem Künstler, der Erfolg müsse sofort eintreten, sonst werde einer umgehend fallengelassen.

Helene Fischer – ok, aber bitte auch Hip-Hop und Klassik

Ein Mann in weissem Anzug schreitet durch grelles Licht, unter ihm versuchen Hände nach ihm zu greifen.

Bildlegende: Marktkonformer Starkult: Auftritt des US-Sängers Kanye West. Reuters

Auf die Musik selbst wirkt sich dieses kurzfristige Profitdenken ebenso aus wie auf die Preise etwa für Konzerte: Wer ein Ticket kauft, werde oft radikal ausgenommen. So genannte «Ticket-Gebühren» beim Verkauf übers Internet spülen viel Geld in die Kassen der Ticketing-Agenturen – ohne dass diese dafür eine Leistung erbringen, findet Seliger. «Von einem 28 Euro teuren Ticket verbleiben bei einem ausverkauften Konzert einer erfolgreichen Band in der Regel gut 4 Euro beim Künstler», rechnet Seliger vor.

Völlig absurd seien dabei die Gebühren, die fürs Selbstausdrucken des Billetts erhoben werden. Es fehle völlig an Transparenz. Die könnten die Medien herstellen, aber bei denen liege ebenfalls sehr vieles im Argen: «Eine Helene Fischer erhält zwei Stunden beste TV-Sendezeit. Dagegen habe ich zwar nichts», sagt Seliger. «Aber weshalb kommen dann nicht eine Woche später zwei Stunden Hip-Hop zur besten Sendezeit und wieder eine Woche später zwei Stunden Klassik?»

Neue Ideen gefragt gegen das Marktdiktat der Konzerne

Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendungen seien «längst reine ‹Abspielstationen› von Promotion-Aktivitäten der Kulturindustrie». Seliger spricht von «embedded journalism», vom Verkauf redaktionellen Raums an Plattenfirmen. Und die Journalisten würden selbst kaum mehr eigene Themen entwickeln. «Nein, die Themen entstehen an den Reissbrettern der Marketingabteilungen der Kulturindustrie.» Die Konsumentinnen und Konsumenten hätten vor lauter «Einheitsfrass» keine Auswahl mehr.

Schwarz sieht Berthold Seliger dennoch nicht. Viele Musikerinnen und Musiker entwickeln neue Ideen, beispielsweise für den Ticket-Verkauf. Die elektronischen Informations- und Vertriebswege eröffnen ebenfalls Möglichkeiten, um das Marktdiktat der Grossfirmen zu umgehen. Das Streaming ermöglicht es auch unabhängigen Künstlern, Geld zu verdienen, und dem Publikum, andere Musik zu hören. Denn, findet Seliger, es habe noch nie so viel Musik gegeben wie heute. Auch gute Musik.

Buchhinweis

Berthold Seliger: «Das Geschäft mit der Musik, ein Insiderbericht». Edition Tiamat, Berlin 2013 (3. Auflage).

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