Protestsongs: Wie im Jazz zum ersten Mal aufbegehrt wurde

Jazzmusik steht gewöhnlich für sich und ist in erster Linie kein Vehikel für Meinungsäusserung. Doch während der US-Bürgerrechtsbewegungen Mitte des 20. Jahrhunderts passte der Jazz als Ausdrucksmittel. Weil er von Schwarzen und Weissen gehört wurde und für Gleichberechtigung stand.

Plakat auf einer Mauer. Es zeigt Billie Holiday, wie sie mit expressivem Gesichtsausdruck singt.

Bildlegende: Mit ihrem Song «Strange Fruit» schockierte Billie Holiday das Publikum. Flickr/S.Huyser

Was heute unter Protestsong verstanden wird, hat seinen Ursprung in den Spirituals und im Blues – Klagelieder der afroamerikanischen Sklaven, die sich gegen die weisse Herrschaft richteten. Die Lieder waren noch nicht explizit und wurden meist nur im Geheimen gesungen. Doch die Idee, sein Leid mit Gesang und Musik zu verarbeiten, hatte eine wichtige Bedeutung bekommen.

Strange Fruit

1939 nahm die amerikanische Jazzsängerin Billie Holiday den Titel «Strange Fruit» in ihr Repertoire auf. In diesem Song geht es um seltsame Früchte, die im Süden der USA von den Bäumen hängen – gemeint sind damit erhängte Schwarze.

Jazz steckte damals in der Swing Ära und war in den New Yorker Lokalen angesagte Unterhaltungsmusik. Der Süden und was dort passierte war weit weg. In diese Stimmung schlug «Strange Fruit» ein wie eine Bombe.

Erst war das Publikum schockiert. Mit der Zeit aber forderte es den Song immer wieder von Billie Holiday. Ihr Name war für immer mit diesem Titel verbunden. «Strange Fruit» markiert mit seinem expliziten Text das Ende der Unschuld im Jazz und machte den Protestsong zu einer effektiven Waffe gegen Ungerechtigkeit.

Jazz während der Bürgerrechtsbewegung

In den 1950er- und 1960er-Jahren war Jazz Mainstreammusik und erreichte viele Leute – Schwarze wie Weisse. Das machte ihn gewissermassen zu einem Bindeglied der amerikanischen Gesellschaft.

Im Laufe der Jahre spielte man Jazz immer freier und dringlicher, was in sich schon eine Protesthaltung birgt. Jazzmusiker, die sich für die Bürgerrechtsbewegung stark machten, waren Abbey Lincoln, Max Roach, Nina Simone, Ray Charles, Dizzy Gillespie, Charles Mingus und John Coltrane.

Lauter und der stiller Protest

Die Proteste von Charles Mingus und John Coltrane hätten allerdings nicht unterschiedlicher sein können. Bassist Mingus war ein Draufgänger und bekannt für seine cholerische Art. In seiner Komposition «Fables of Faubus» wettert er gegen Orval E. Faubus: Der Gouverneur hat 1957 mithilfe der bewaffneten Nationalgarde versucht, schwarze Schüler am Betreten einer öffentlichen Schule zu hindern. Charles Mingus buht, schimpft und macht Faubus lächerlich.

Der Tenorsaxofonist John Coltrane hingegen war ein stiller, spiritueller Mensch. In seiner Komposition «Alabama» reagiert er auf das rassistisch motivierte Bombenattentat, das 1963 auf eine Baptistenkirche in Birmingham, Alabama ausgeübt wurde und vier schwarzen Mädchen ums Leben brachte. Martin Luther King hielt darauf in Birmingham eine bewegende Rede, von der behauptet wird, sie sei die Grundlage für John Coltranes traurige Komposition gewesen.

Hip-Hop löst den Jazz ab

Schwarze Musikstile wie Funk und Soul wurden während den 1970er-Jahren populärer. Der Jazz verlor je länger je mehr auch sein Protestpotenzial. Als in den 1980ern der Hip-Hop gross wurde, übernahm er die Zukunft des schwarzen Protestsongs.

Public Enemy, Grandmaster Flash, NWA und viele andere hatten Themen der schwarzen US Bevölkerung in ihren Songs und kritisierten mit unmissverständlichen Texten die weiterhin existierende Unterdrückung. Auch heute, in Zeiten von Massenunruhen in amerikanischen Städten, sind es Hip-Hop- und R’n’B-Künstler wie The Roots, D’Angelo, Talib Kweli, Lauryn Hill und viele mehr, die dem Protest eine Stimme verleihen.

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