Roger Cicero war ein Glücksfall für den Jazz

Roger Cicero hatte alles, was es braucht, um auf der Showbühne Erfolg zu haben: Können, Charme, gutes Aussehen, kreative Ideen – genug, um noch lange Erfolge feiern zu können. Es sollte nicht sein. Letzten Donnerstag starb der charismatische Entertainer an einer Hirnblutung.

Roger Cicero mit Hut und Mikrofon auf einer Bühne.

Bildlegende: Ein Profi, aber mit Leichtigkeit: darin glich Roger Cicero seinem Vorbild Frank Sinatra. Getty Images

Bekannt wurde Roger Cicero mit Songs über seinesgleichen: über urbane männliche Thirtysomethings, die die Frauen über alles verehren und sie doch nicht wirklich verstehen, die ihr Dasein als Mann geniessen und doch ein wenig Angst vor der Weiblichkeit haben, die selbstbewusst durch die Welt gehen und doch immer wieder über sich selbst stolpern. Er machte das nicht mit grosser Geste, sondern mit Witz und Ironie, womit selbstredend auch die Selbstironie gemeint ist.

Roger Cicero sang seine Lieder gern in der guten Tradition der amerikanischen Crooner, mit Big Band-Begleitung, und darin glich er seinem grossen Vorbild, Frank Sinatra. Er glich ihm nicht nur in dieser Hinsicht: Wie bei Sinatra steckte hinter Roger Ciceros Leichtigkeit und Charme höchste Professionalität.

Cicero über Sinatra – eine Begegnung

Als ich im vergangenen Dezember eine Sendung zum 100. Geburtstag von Frank Sinatra vorbereitete, suchte ich jemanden, der mir kompetent Auskunft über Sinatras Gesangsstil, seine Fähigkeiten, seine Technik, die besondere Art seines Vortrags geben konnte. Und auch darüber, was «Ol' Blue Eyes» heute für einen jungen Sänger bedeutet.

Meine Wahl fiel schnell auf Roger Cicero, von dem ich mir Antworten erhoffte. Er war mit seinem Jazzquartett unterwegs, und sang im Rahmen der Baloise Sessions in der Messehalle in Basel, die Gelegenheit war also günstig. Ein gewisses Misstrauen hatte ich allerdings: viele Künstler können zwar eloquent über sich selber und die eigene Kunst reden – nicht aber über andere. Was kein Mangel ist, ein Musiker muss schliesslich in erster Linie sich selber verkaufen.

Nur: Ich wollte von Roger Cicero ausschliesslich Auskünfte zu Frank Sinatra, und ich sagte ihm dies – als Warnung quasi – gleich am Anfang des Gesprächs. Das wäre nicht nötig gewesen: Cicero stand mir zwischen Soundcheck und Konzert eine halbe Stunde lang Red und Antwort. Er war witzig, eloquent, sachkundig und hatte grosse Lust, sein Idol mal so richtig über den grünen Klee loben zu dürfen. Es wurde eine gelungene Sendung über Sinatra, auch und vor allem dank Roger Cicero.

Ein Glücksfall

Dass am Abend die grosse Messehalle brechend voll war, und Cicero ein begeisterndes Konzert gab, vor vielen Zuhörerinnen und Zuschauern, die sonst mit Jazz wenig am Hut haben, beglückte mich als Jazzredaktor und Jazzfan. Denn Musiker wie er sind für den Jazz ein Glücksfall. Sie zeigen, dass Jazz nicht kopflastig und kompliziert sein muss, sondern auch leicht und luftig und ironisch daher kommen kann.

Sendung: Radio SRF 4 News, Nachrichten, 29.3.2016, 14.00 Uhr.