Scheitern im Rampenlicht: wie Künstler damit leben

Bravo oder Buh? Bei jedem Auftritt werden Künstler unmittelbar mit der Reaktion der Zuschauer konfrontiert. Nicht jeder Auftritt gelingt. Auch Projekte scheitern immer wieder. Wie man damit umgeht, erzählen Michael von der Heide, Jaël und Beat Schlatter.

Frenetischer Applaus, gelangweilte Gesichter, erboste Buhrufe, Lob oder Verriss: Schauspieler und Musiker sind der Unmittelbarkeit der Zuschauerreaktionen regelrecht ausgeliefert; sind auf die Gunst des Publikums und der Kritiker angewiesen. Die Angst vor dem Scheitern ist sozusagen vorprogrammiert. Eine Premiere, sogar jede Vorstellung kann zum Höllenritt werden.

Michael von der Heide auf der Bühne.

Bildlegende: Ein Blackout auf der Bühne sei ein Schock, doch Michael von der Heide sieht in solchen Situationen auch Chancen. Keystone

Applaus ist nicht Liebe

Michael von der Heide, ausgebildeter Krankenpfleger, ist «everybody’s Chouchou», wie er selbst gerne sagt. Dennoch musste er in seiner langjährigen Karriere schon viel Kritik und Neid wegstecken. «Wenn man als Kind anfängt, eine Leidenschaft zu entwickeln, denkt man natürlich nicht an Kritiker und sicher nicht ans Scheitern. Die Leidenschaft ist im Vordergrund, deshalb geht man weiter und wird ja auch oft belohnt. Allerdings darf man Applaus nicht mit Liebe verwechseln», sagt von der Heide.

Seine grössten Niederlagen verbuchte er beim Eurovision Song Contest. 2010 scheiterte er im zweiten Halbfinale. Gerade einmal 2 Punkte bekam er mit seinem Auftritt «Il pleut de l’or». Von der Heide erinnert sich: «Das war schon ein Schock. Doch vor mir war ja auch DJ Bobo erfolglos. Ich wusste also, dass dies nicht das Ende meiner Karriere bedeuten würde. Im Gegenteil: Ein solches Erlebnis kann auch eine Hilfe sein. ‹Reculer pour mieux sauter› – sich sammeln und neue Projekte in Angriff nehmen.»

Auch das Risiko, auf der Bühne ein «Black» zu haben, kennt der Sänger. 1999 versuchte er zum ersten Mal sein Glück beim Concours Eurovision de la Chanson. Damals kam das Aus bereits bei der Vorausscheidung. «Das Intro lief, ich kam auf die Showbühne und wusste nichts mehr. Ich wollte sterben.» Allerdings sei auch das ein Moment gewesen, der ihm letztlich Selbstvertrauen gab. Warum?

Ihr Soloalbum wollte kein Label finanzieren. Jaël von Lunik gründete darum eine eigene Plattenfirma.

Bildlegende: Ihr Soloalbum wollte kein Label finanzieren. Jaël von Lunik gründete darum eine eigene Plattenfirma. Keystone

Alles ist ein Zeichen

Jaël ist diplomierte Primarlehrerin. Als Frontfrau der Band Lunik mischte sie 15 Jahre lang an der Spitze der Schweizer Musikszene mit. Liveauftritte sprengten in den Anfängen beinah ihr Nervenkorsett. Nach all den Jahren der Reflektion macht die heute 36-Jährige aber einen entspannten Eindruck: «Ich habe lernen müssen, jede Meinung von aussen als Meinung zu nehmen. Ob Fan, ob Kritiker, jeder hat eben seine Meinung. Scheitern gibt es eigentlich gar nicht. Es ist nur ein Zeichen für eine Kurskorrektur.»

Eine solche musste die Sängerin 2013 in Angriff nehmen. Die Band Lunik brach auseinander. Ein Schock. Das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. Jaël stand auf, ging weiter, mischte die Karten neu. Ende 2015 erschien ihr erstes Soloalbum «Shuffle the cards».

Dafür gründete sie ihre eigene Plattenfirma, denn – trotz all der Erfolge mit Lunik – wollte sie keine Schweizer Plattenfirma dabei unterstützen: «Ich habe erst mal leer geschluckt. Ich hatte die Hälfte des Albums ja bereits selbst finanziert. Dann habe ich es als Zeichen genommen. Im Nachhinein ist eine eigene Firma für mich sowieso die bessere Lösung. Ich entscheide alles selbst und freue mich jetzt auf meine zweite CD.»

Seit bald 20 Jahren versucht die Musikerin auch im Ausland Fuss zu fassen. Allerdings vergeblich. «Das sind schon Rückschläge, die ich annehmen musste. Aber auch das sehe nicht als Scheitern. Es soll offenbar einfach nicht sein», sagt Jaël.

«Künstler sein, ist auch eine Haltung», findet Beat Schlatter.

Bildlegende: «Künstler sein, ist auch eine Haltung», findet Beat Schlatter. Keystone

Gescheiterte Projekte sind gute Geschichten

Beat Schlatter, gelernter Innendekorateur, Kabarettist, Schauspieler und Autor weiss, was es heisst, keinen Erfolg zu haben. Als junger Künstler musste er «unten durch». Noch heute plagen ihn Existenzängste.

«Wir Künstler müssen gute Lügner sein, damit man das nicht merkt. Wenn ich ein Jahr lang an einem Stück schreibe und es fällt beim Publikum durch, verdiene ich keinen Rappen. Zudem hängt ein ganzes Ensemble vom Erfolg des Stückes ab», ereifert sich Schlatter.

Aber: «Man ist einfach getrieben. Künstler sein, ist auch eine Haltung. Zudem muss man sich immer wieder sagen: ‹Krank sein ist viel schlimmer, als keinen Erfolg zu haben.›» Misserfolge dienen Schlatter übrigens immer wieder als Vorlage für Drehbücher. Seine Anfänge verarbeitete er im Film «Komiker», ein gescheitertes Projekt in «Katzendiebe», ein weiteres missglücktes Vorhaben soll noch diesen Sommer verfilmt werden.

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