Solo auf dem Saxofon: ungewohnt, aber unverschämt gut

Für Pianisten und Gitarristen ist es seit jeher selbstverständlich, allein Musik zu machen. Schliesslich sind sie sich selbst genug, können Melodie, Harmonien und Rhythmus im Alleingang herstellen. Aber Saxofonisten? Auch die können das. Coleman Hawkins hat's vorgemacht.

Ein Mann in T-Shirt spielt Saxophon vor zwei Mikrofonen (s/w-Bild).

Bildlegende: Hat das Soloalbum «Ach wie flüchtig, ach wie nichtig» eingespielt: der Berner Saxofonist Till Grünewald. Till Grünewald

Der erste Saxofonist, der den Mut – um nicht zusagen: die Unverschämtheit – hatte, ganz allein mit seinem Saxofon ins Aufnahmestudio zu gehen, war Coleman Hawkins. Das wundert nicht, aus verschiedenen Gründen. Erstens ist Coleman Hawkins ohnehin der Erfinder des Saxofons. Nicht wörtlich natürlich, Adolphe Sax hat das Instrument konstruiert.

Ein Mann in Anzug und Krawatte auf einer Bühne, Saxophon spielend.

Bildlegende: Coleman Hawkins im New Yorker Club «Spotlite», 1946. William P. Gottlieb

Inspiriert vom Cello

Aber Hawkins hat gezeigt, wie das Saxofon zu verwenden ist im Jazz. Und wie es klingen kann. Vieles, was heute auf dem Instrument gespielt wird, geht auf ihn zurück. Coleman Hawkins ist der Grossvater aller (Tenor-) Saxofonisten und Saxofonistinnen im Jazz.

Es könnte allerdings noch einen zweiten Grund geben, weshalb gerade er auf die Idee kommen konnte, ein Soloalbum aufzunehmen. Das erste Instrument nämlich, das Coleman Hawkins als Kind lernte, war das Cello. Er blieb ihm ein Leben lang treu, spielte es allerdings nur im stillen Kämmerlein, für sich allein. Und er tat es nicht improvisierend, sondern er interpretierte darauf klassische Musik.

Revolutionär, neu und unerhört

Kollegen, die Hawkins seiner geheimen Leidenschaft frönen hörten, behaupten, dass er mehr als nur ein passabler Cellist war. Er spielte natürlich nicht auf dem Niveau des Saxofonisten, konnte aber immerhin die Cello-Suiten von J.S. Bach spielen. Und die schrieb der Meister aus Leipzig ja bekanntlich für Violoncello allein. Warum also nicht mit dem Saxofon den Alleingang wagen?

1948 wagte Coleman Hawkins den Schritt. Zu dieser Zeit war das noch eine ziemlich abstruse Idee. Trotzdem spielte er in einem New Yorker Studio ein Solostück ein – 3 Minuten und 17 Sekunden lang –, das er selbstbewusst «Picasso» nannte. Der Titel sagt etwas darüber aus, wie er sein Tun selber einordnete: Der Name Picasso stand damals als Synonym für revolutionär, neu und unerhört. Und genau das war Coleman Hawkins' Improvisation.

Im Übungsraum ist ohnehin jeder mit sich allein

Dass Hawkins mit seiner Aufnahme einen Damm gebrochen hätte und danach Legionen von Saxofonisten den Solotrip gewagt hätten, kann man nicht sagen. Immerhin liessen aber viele der grossen Figuren des Instruments in der Folge ihrer Inspiration freien Lauf, auch allein: Sonny Rollins, Joe Henderson, Archie Shepp und viele andere.

Bei der heute jungen Generation von Saxofonisten und Saxofonistinnen auch hierzulande gehört das Spiel allein zu den möglichen Ausdrucksmitteln. Im Übungsraum ist ohnehin jeder und jede mit sich allein; diese Situation auf die Bühne zu tragen, ist kein grosser Schritt.

Kontemplation in einer lauten Zeit

Das Solospiel hat allerdings eine andere Qualität als das Spiel in der Band. Improvisierte Musik passiert immer im Austausch mit anderen Musikern, ist Dialog und Interplay. Das Spiel allein wirft den Künstler oder die Künstlerin auch auf sich selber zurück. Die Musik passiert in der Auseinandersetzung mit dem Instrument, den eigenen Möglichkeiten und dem Raum in dem sie stattfindet. Sie ist Kontemplation, vielleicht Meditation, Exerzitium gar – Dinge, die in unserer lauten Zeit möglicherweise etwas kurz kommen.

CD-Hinweise

Solo-CDs von Schweizer Saxofonisten (Auswahl):

  • John Voirol: «Ich allein» (Unit)
  • Till Grünewald: «Ach wie flüchtig, ach wie nichtig» (Anuk)
  • Peter Landis: «Vagues» (Unit)
  • Simon Spiess: «Reflections for the Future» (Meta Records)

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