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Chopins Männer (1/2)
Aus Passage vom 13.11.2020.
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Spätes Outing Chopin war schwul – und niemand sollte davon erfahren

Der polnische Komponist Frédéric Chopin hat seine Liebe zu Tytus Woyciechowski in Briefen beschrieben – die auf wundersame Weise verschwanden oder falsch übersetzt wurden.

Chopin hat diverse offensichtliche, leidenschaftliche und teils erotische Liebeserklärungen schwarz auf weiss festgehalten. Sie waren an Männer gerichtet – insbesondere an seinen Tytus.

«Wie immer trage ich Deine Briefe bei mir. Wie wohl wird es mir sein, Deinen Brief hervorzuholen und mich zu vergewissern, dass Du mich liebst. Und zumindest auf die Schrift und die Hand dessen zu schauen, den ich nur lieben kann.» (27.3.1830)

Portrait eines Mannes
Legende: Die meisten von Chopin's Männerbeziehungen sind bislang weder aufgearbeitet noch erforscht worden. Getty Images / DEA / A. DAGLI ORTI

Die Briefe sind verschwunden

Auffällig ist, dass ausgerechnet die Briefe, welche Chopin von Tytus und von weiteren Männern erhielt, als verschollen gelten. Sie dürften nämlich auch Homoerotisches enthalten:

«Den Brief, in welchem Du sagst ich solle Dich küssen, habe ich erhalten.» (14.11.1829)

Porträt eines Mannes
Legende: Mit Tytus Woyciechowski hatte Chopin den leidenschaftlichsten und intensivsten Briefkontakt. Wikicommons / Zbiory Fototeki Muzeum Fryderyka Chopina w Warszawie

Chopin schrieb diesen Männern auf Polnisch. Für viele Forschende ist das eine kaum überwindbare Barriere. Sie sind also auf Übersetzungen angewiesen. Allerdings weisen viele Übersetzungen folgenreiche Fehler auf. An manchen Stellen sind etwa polnische männliche Pronomina in englische Weibliche übersetzt.

Übersetzungen auf dem Prüfstand

«Mam mój ideał, któremu wiernie, nie mówiąc z nim już pół roku, służę, który mi się śni, na którego pamiątkę stanęło adagio od mojego koncertu, który mi inspirował tego walczyka dziś rano, co ci posyłam.» (Chopin an Woyciechowski, 3.10.1829. Quellen: NIFC, 13.11.2020 / Z. Helman, «Korespondencja F. Chopina», 2009)

«Ich habe mein Ideal, dem ich treu diene, und mit dem ich schon seit einem halben Jahr nicht gesprochen habe, von dem ich träume, zu dessen Erinnerung das Adagio aus meinem Konzert entstand, das mir heute Morgen diesen Walzer inspiriert hat, den ich dir übersende.» (Übersetzung gemäss Qualitätsnorm ISO 17100 im Auftrag von SRF, 9.2020)

«I have my ideal, whom I faithfully serve, not having spoken to her for half a year now, about whom I dream, with thoughts of whom the Adagio from my Concerto came to be, who this morning inspired the little waltz that I am sending you.» (D. Frick, “Chopin's polish letters», NIFC 2016)

Der gleiche Fehler findet sich auch in älteren Briefausgaben (etwa B. Sydow, Correspondance de F. Chopin, 1953-60).

Ähnliche Fehler gibt es auch im Brief an J. Matuszyński (26./29.12.1830) und «Stuttgarter Tagebuch»).

Unbelegte Fussnoten weisen auf Frauen hin

Zusammen mit Fussnoten-Schmuck wird und wurde suggeriert, dass Chopin von Frauen berichtet. Diese Fussnoten sind allerdings nirgendwo belegt.

Weder renommierte Biographinnen und Biographen wie Alan Walker noch das mächtige Warschauer Chopin Institut (NIFC), welches international den Ruf als «Hort des Wissens» über Chopin geniesst, können stichhaltige Belege oder Quellen liefern.

«An K. Gładkowska haben wir eigentlich nichts. Mit Wodzińska haben wir nichts.» (Aleksander Laskowski, Pressesprecher NIFC)

Briefe mit durchgestrichenem She
Legende: Schreibt Chopin im ‚Stuttgarter Tagebuch‘ über eine Frau oder einen Mann? Geht es nach dieser Übersetzung, ist die Antwort eindeutig. D. Frick, «Chopin's polish letters», NIFC 2016

Romanzen aus der Welt der Sagen

Chopin selbst schreibt nichts von den in den Fussnoten blumig erzählten Romanzen. In seinen Briefen spielen die betreffenden Teenagerinnen nur eine marginale Rolle. Diese angeblichen Affären sowie die kolportierte Verlobung gehören somit in die Welt der Sagen.

Dass Chopins vielbeschriebene «Beziehung» zu George Sand keine Liebesbeziehung im herkömmlichen Sinne war, darüber sind sich Forschende mittlerweile grösstenteils einig. Für ihn war es wohl eher eine Art Zweckgemeinschaft.

Systematisches Konstrukt

Das recht plumpe aber umso systematischer aufgebaute Konstrukt aus Fussnoten und falsch übersetzten Wörtern hat sich bis heute gehalten. Es lenkt nach wie vor den Blick weit weg vom Offensichtlichen aus Chopins eigener Feder: Von seinen so innigen wie leidenschaftlichen Gefühlen für Tytus Woyciechowski, wohl die grosse Liebe seines Lebens.

Und von seinen verbrieften Gefühlen für J. Matuszyński, A. Wodziński und J. Fontana – mit Matuszyński und Fontana lebte er in Paris jeweils jahrelang zusammen.

Chopin's Männer

Seine Männerlieben kannte Chopin aus seiner Jugend in Warschau. Die meisten wohnten im Studentenwohnheim, welches die Chopins führten. All diese Beziehungen sind bislang kaum aufgearbeitet und erforscht.

  • Tytus Woyciechowski: Musikfan, Hobbypianist, studiert Jura in Warschau. Ab dem Frühjahr 1829 wegweisender Landwirt in Poturzyn. Mit Tytus hat Chopin den leidenschaftlichsten und intensivsten Briefkontakt, ihm widmet er auch seine Variationen op. 2 und für ihn komponiert er den Walzer op. 70,3. Im Sommer 1830 besucht er ihn für zwei Wochen auf dessen Hof, und im November reisen die beiden gemeinsam nach Wien.
  • Jan Matuszyński: Hobbyflötist, studierter Arzt. Lebte 1834-1836 mit Chopin in der Chaussé d’Antin in Paris.

    «Ich habe gute Gründe bei ihm zu bleiben: Er ist alles für mich. Wir verbringen die Abende im Theater oder sind zu Besuch - es sei denn, wir bleiben ruhig zuhause um uns zu amüsieren.»

  • Julian Fontana: Pianist und Kopist, lebte 1836-1838 mit Chopin an der Chaussée d’Antin. Chopin nannte ihn manchmal «Juliannchen». Fontana erledigt diverse Aufträge für ihn, hat aber auch heftige Gefühle für ihn, wie seine eigenen Briefe zeigen.
  • Antoni Wodziński: Er kämpfte wie Tytus im Novemberaufstand für die Unabhängigkeit Polens. Als er im Herbst 1836 in Paris ist, schreibt er:

    «Chopin hatte schon nach mir gefragt. Er ist noch hübscher geworden. Wir sehen uns jeden Tag. Gleich am ersten Abend waren wir zusammen in der Oper.»

    Und Chopin schreibt an ihn: «Glaub mir, dass ich an Dich denke wie an Tytus.»

  • Wojciech Albert Grzymała: Den deutlich älteren Diplomaten und Banker kennt Chopin ebenfalls seit seiner Jugend in Polen. Bereits in den 1830er-Jahren spielt er in Paris eine wichtige Rolle ich Chopins Leben. Grzymała ist gleichzeitig mit George Sand befreundet und für sie quasi das Kummerkästchen. Über Chopins «Beziehung» zu George Sand hingegen schreibt Grzymała: «Es war sein Pech, George Sand kennenzulernen. Sie hat seine ganze Existenz vergiftet.»

Schein versus Sein

Chopin trennte bewusst das Innerliche vom Äusserlichen. Er achtete genau darauf, wie er vor den Augen der Öffentlichkeit wirkte – ein wiederkehrendes Motiv in seinen Briefen und eine Eigenschaft, die auch von seinem Umfeld beobachtet wurde.

«Man muss den Deckmantel der versteckten Gefühle schonen.» (15.5.1830)

Die Musikwissenschaft hat sich lange schwer getan mit der Homosexualität von grossen klassischen Musikerinnen und Musikern. Auch Schubert, Tschaikowsky und anderen wurden Frauenaffären angedichtet.

Bis zur Unkenntlichkeit verdreht

Die für Chopin zentrale, emotionale und erotische Beziehung zu Woyciechowski wurde bislang bis zur Unkenntlichkeit verdreht oder marginalisiert – selbst in sonst verlässlichen Nachschlagewerken. In Wikipedia wurden belegte Details über diese Beziehung umgehend gelöscht, Link öffnet in einem neuen Fenster.

«Ich gehe mich waschen, küsse mich jetzt nicht, denn ich habe mich noch nicht gewaschen — Du? Auch wenn ich mich mit byzantinischen Ölen einreiben würde, würdest du mich nicht küssen, wenn ich dich nicht auf magnetische Art dazu zwingen würde. Es gibt irgendeine Kraft in der Natur. Heute wirst du träumen, dass du mich küsst.» (4.9.1830)

Homosexualität als Politikum

Bei Chopin hat das Thema derzeit auch eine gewichtige politische Dimension: Der katholisch geprägten, nationalkonservativen PiS-Regierung Polens dürfte Chopins Liebe zu Tytus Woyciechowski ungelegen sein. Agieren doch manche ihrer hochrangigen Exponenten aggressiv gegenüber Minderheiten und unterstützen sogar unmenschliche Ideen wie «LGBTQ-freie Zonen».

Frédéric Chopin ist in Polen ein Nationalheld, der vergötterte Nationalkomponist. Man ist stolz auf ihn wie auf Papst Wojtyła oder Marie Curie und schmückt sich gerne mit seinem Namen und seiner Musik. Chopins schriftlich überlieferte Liebe zu Männern würde die jetzige Regierung in Erklärungsnot bringen, müsste sie sie denn offiziell anerkennen. Aber dies wird man wohl weiterhin zu verhindern versuchen.

SRF 2 Kultur, Passagen, 13.11.2020, 20:00 Uhr

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