Street Parade ohne Bass: Klingt so die Musik von Steve Reich?

Der Bass in der elektronischen Clubmusik ist es, der die Tanzwütigen auf Trab hält. Ähnliche Musik macht Steve Reich schon seit Jahrzehnten – jedoch ohne Bass. Der US-amerikanische Komponist schreibt minimalistische Musik zum Hören, nicht zum Tanzen.

Ein paar junge Menschen tanzen an der Street Parade in Zürich.

Bildlegende: Schillernde Klangfarben zum Hören, aber nicht zum Tanzen: So wäre wohl die Street Parade nach Steve Reich. Keystone

Im Europa der 1960er-Jahre wird die neue klassische Musik immer komplexer – auch in Dur oder Moll will kaum mehr jemand komponieren. In den USA hingegen gehen Komponisten des musikalischen Minimalismus andere Wege. Steve Reich etwa schreibt tonale Stücke, sein Fokus liegt besonders auf dem Rhythmus.

Ein Porträt von Steve Reich, 2014 aufgenommen.

Bildlegende: Steve Reich wurde 1936 in New York City als Sohn einer Sängerin und eines Anwalts geboren. Keystone

Klangströme als Markenzeichen

Damals reiht Steve Reich kleine musikalische Muster, sogenannte Patterns, aneinander, sodass daraus lange, hypnotische Klangströme entstehen. Diese werden schliesslich zu seinem Markenzeichen.

Er will damit keine Spannung oder Dramatik aufbauen, sondern eine Kontinuität schaffen. Ein Zeit-Kontinuum, sagt die Musikwissenschaftlerin Barbara Volkwein.

Die Farben der Musik

Steve Reich belebt die Musik ganz sachte, indem er Patterns übereinander schichtet und sie langsam gegeneinander verschiebt. «Phase-Shifting» nennt sich diese Technik.

Schillernde Farben verleiht er dieser repetitiven Musik manchmal auch durch die Instrumentierung. Er verändert sie im Verlauf der Stücke. Die Klangfarbe beginnt sich so über dem gleichbleibenden Grundpuls sanft zu verändern.

Seine Minimal Music schreibt Steve Reich zum Hören. Das Publikum soll hörend darin eintauchen, die Zeit anders empfinden, sich in diesem Mantra-ähnlichen und scheinbar unendlichen Klangstrom verlieren.

Hören oder Tanzen?

Steve Reich hat mit seinen Kompositionstechniken die populäre Musik geprägt – auch die elektronische Clubmusik, die in den 1980er-Jahren ihren Siegeszug begann.

Allgemein gesprochen hat sie einiges mit Minimal Music gemeinsam. Auch die elektronische Clubmusik ist aus kleinen Patterns zusammengesetzt, die sich stetig wiederholen, auch sie setzt oft auf das Verändern der Klänge und Klangfarben. Aber: Sie ist zum Tanzen gedacht und nicht zum Hören. Dafür braucht sie zusätzlich einen Bass.

Der Bass muss einschlagen

«Ob du wirklich richtig gehst, merkst du, wenn der Bass einschlägt». Ein Wegweiser mit diesem Text führte die Besucher des diesjährigen «One Love Festival» zu den Dancefloors. Der Bass der elektronischen Clubmusik ist es, der die Tanzfreudigen anlockt und sie auf der Tanzfläche hält.

Dank der elektronischen Produktionsweise dieser Musik ist es möglich, den Klängen mehr Tiefe und mehr Schubkraft zu verleihen im Gegensatz zu den meist analogen Klängen von Steve Reich. Die Bässe können so unter den Füssen und im Bauch gespürt werden, der Bass schlägt tatsächlich als Körperschall ein.

Beliebt wie eh und je

Seit mittlerweile drei Jahrzehnten fasziniert die elektronische Clubmusik die Massen, auch in der Schweiz. Hunderttausende reisen jedes Jahr nach Zürich zur Street Parade, junge und ältere Tanz-Fans besuchen Electro-Festivals, jedes Wochenende strömt das Partyvolk zum Tanzen in die Clubs.

Barbara Volkwein ist der Meinung, dass die Menschen gerade in der heutigen, schnelllebigen und eng getakteten Zeit besonders empfänglich sind für diese Art von repetitiver Musik. Sie kann das Publikum über den Spass am Tanzen hinaus in einen trance-ähnlichen Zustand versetzten, zur Introspektion anregen, und die Zeit für ein paar Stunden vergessen lassen. Ähnlich wie die Musik von Steve Reich.

Buchhinweis

Barbara Volkwein: «What’s Techno?», epOs-Verlag.

Sendung zu diesem Artikel