Musiktalent und Produzent Thundercat legt den Finger dahin, wo es heutzutage wehtut

In den USA ist er ein aufstrebender Hip-Hop-Produzent. Einen Grammy hat er bereits in der Tasche und auf dem aktuellen Soloalbum «Drunk» mischt Superstar Pharrell Williams mit. Thundercat ist auf Erfolgskurs – unangepasst bleibt er trotzdem.

Thundercat mit seinem Bass auf der Bühne.

Bildlegende: Thundercat ist Bassist, Sänger, Texter und Produzent. Imago

Das Coverbild von «Drunk» zeigt Stephen Bruner alias Thundercat bis über beide Ohren im Wasser, lauernd wie ein Krokodil. Man begegnet dem Blick eines Menschen, dem der Atem knapp wird und der dennoch nicht aufhören mag mit seinem Spiel.

«Let's go hard, get drunk and travel down a rabbithole», also «Lassen wir uns volllaufen und stürzen wir uns rein ins Kaninchenloch»: Mit diesen Worten empfängt Thundercat seine Hörer. Die Haltung eines Himmelfahrtskommandos zieht sich weiter durch die ganze Platte. Wie ein tragikomisches Psychogramm von Hipstern aus der Grossstadt.

Thundercat im Wasser bis über beide Ohren.

Bildlegende: Albumcover von «Drunk». Brainfeeder

Zynisch, aber liebevoll

In Los Angeles ist Thundercat auf die Welt gekommen, 1984, als Stephen Bruner. Mit dem Schlagzeugspiel seines Vaters in den Ohren wuchs er auf. Nun ist er selbst gefragter Bassist in etlichen Jazz-, Rock und Punkbands.

Auch Soulsängerin Erykah Badu mag den 32-Jährigen an ihrer Seite, und als der Saxofonist Kamasi Washington den Jazz neu erfinden wollte, wählte er Thundercats Bass als vibrierenden Nährboden.

Als Solokünstler und Texter hat Stephen Bruner ganz offensichtlich Freude daran, auch unangenehme Dinge beim Namen zu nennen, den Finger dort aufzulegen, wo es in der heutigen Zeit wehtut. Das wirkt inmitten seiner schreiend bunten Songs oft zynisch, aber immer auch liebevoll – und hat durchaus auch einen aufklärerischen Anspruch.

Aus dem Ärmel geschüttelt

«The Turn Down» etwa, seine Zusammenarbeit mit Pharrell Williams, ist ein Aufruf an seine Generation, sich statt auf Shopping auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren, wie Umweltverschmutzung oder Rassenungleichheiten.

Der Song mit Pharrell Williams mag die prestigeträchtigste Zusammenarbeit für Thundercat sein. Er ist aber am Ende der Platte platziert und nur eines von vielen Stücken auf «Drunk». Das Album überrascht generell mit einer eigenwilligen Dramaturgie. In über 20 teils sehr kurzen Songs zeigt Thundercat sein Können als Bassist, Sänger, Texter und Produzent.

Er lässt die Songs skizzenähnlich stehen; sie wirken fast beiläufig produziert, so als wollte er sagen: Schaut her, was ich alles aus dem Ärmel schüttle. Und das erst noch mit recht billigen Sounds und Beats. Wartet nur, bis ich mir richtig Mühe gebe.

Gewaltiger Furz zum Schluss

Dem 32-jährigen Musiker so was in den Mund zu legen, ist natürlich Projektion. Aber zuzutrauen wär‘s ihm schon. Was am meisten beeindruckt am neuen Werk von Thundercat ist nämlich sein Mut zum schrägen Humor.

«I feel weird
Comb your beard / brush your teeth
Still feel weird
Beat your meet / go to sleep»

Diesen imaginären Dialog singt Thundercat in «Captain Stupido». Ein beissend-fröhlicher Kommentar zum Selbstverlust eines jungen Hipsters – und als Finale der laisser-faire Haltung gibt’s am Schluss des Songs noch einen gewaltigen Furz oben drauf.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Jazz und World aktuell, 28.03.17, 20:00 Uhr

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