Tradition oder Erfindung – Wann ist Volksmusik authentisch?

Bei Volksmusik ist oft von Authentizität die Rede. Authentisch heisst aber nicht immer echt. Ein Lied etwa, das kein Original ist, kann auch dann authentisch sein, wenn es die Realität des Zuhörers glaubhaft wiedergibt – oder wenn es einfach qualitativ überzeugt.

Ein Chor aus Mädchen und Jugen in Appenzeller Tracht

Bildlegende: Ist das, was diese Appenzeller Burschen und Mädchen hier zum Besten geben, authentisch? Keystone

In unserer globalisierten und kommerzialisierten Welt gibt es eine Flut von kulturellen Gütern. Wie soll man daraus auswählen? Wenn es um Volkskultur geht, ist ein Kriterium die Frage nach der Authentizität. Gemeint ist damit zum Beispiel: Ist diese griechische Vase ein Original? Spielen diese Appenzeller Musikanten wirklich nach traditioneller Art?

Im kulturellen Diskurs jedoch kann man sich der Frage nach der Authentizität noch auf eine zweite Art annähern: Ist dieses Lied relevant für mich? Heute, 2015, in Basel, Mogadischu oder wo immer ich lebe? Widerspiegelt es glaubhaft eine Realität, die mich etwas angeht? Wenn ja, dann ist es für mich authentisch.

Kulturelle Identität gestiftet – Ziel erreicht

Schwieriger wird es bei der Frage: Was ist nicht authentisch? Dafür muss man wissen, was die Darbietung zu sein behauptet. Denn authentisch könnte man übersetzen mit: «steht glaubhaft für». Sind also beispielsweise die berühmten bulgarischen Frauenchöre («Mystère des Voix Bulgares») authentisch? Möglicherweise nicht so ganz. Denn hier wurde während der Zeit des Kommunismus gezielt ein nationaler Mythos konstruiert.

Es gab sie, die ursprünglichen Frauengesänge aus den bulgarischen Dörfern. Doch die Frauen sangen einzeln und bei der Arbeit. Dass es ein Kompositionsauftrag war, der die mehrstimmigen Chöre hervorbrachte und dass die Frauen dafür im Konservatorium professionell ausgebildet wurden – das untergräbt die Authentizität.

Andererseits wurde das eigentliche Ziel, kulturelle Identität zu stiften, wahrscheinlich erreicht. Denn heute, nach 70 Jahren, ist diese ursprünglich konstruierte Tradition noch immer lebendig und für die beteiligten Menschen wohl trotzdem authentisch.

Puristen haben es schwer

Es geht also bei der Zuschreibung von Authentizität immer auch um Definitionsmacht und Politik. Bedeutend in dieser Hinsicht ist die UNESCO mit ihrer Liste von materiellen und immateriellen Kulturgütern. Es gibt wohl kaum einen kulturliebenden Menschen, der nicht froh darum wäre. Trotzdem scheiden sich daran die Geister. Wie und warum kommt etwas auf diese Liste? Wer entscheidet? Wie viel Lobby-Arbeit steckt dahinter? Wie viel nationales Interesse? Mehr Fragen als Antworten.

Die sogenannte Weltmusik besteht heute fast nur noch aus Mischungen, alles ist Cross-over. Auch da dürfen wir uns zum Glück ein eigenes Urteil bilden – und etwa die Frage nach der Qualität an die erste Stelle setzen: Überzeugt mich die Musik? Wenn ja, dann wäre der Kritikpunkt, sie sei nicht original, relativ kleingeistig.

Puristen haben es schwer heutzutage. Unsere Welt ist so pluralistisch wie noch nie. Mischung ist die Regel, Reinheit die Ausnahme. Der Begriff «original» gehört in die Welt der Markenrechte, in der Kultur ist er wahrscheinlich fehl am Platz.

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