Traktorkestar: Ein eigener Balkan-Sound, statt «Ufta-ufta-uftata»

Traktorkestar hinkt der Zeit hinterher, könnte man sagen. Denn erst vor fünf Jahren gründeten die Musiker ihr Balkan-Orchester, Jahre nachdem Balkan-Musik in aller Ohren war. Mit ihrem neuen Album haben sie nun ihren eigenen Stil gefunden: Balkansound, bei dem auch mal ein Schwyzerörgeli ertönt.

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Im Balkansound zu Hause: Die Berner Band «Traktorkestar»

4:28 min, aus Kulturplatz vom 9.4.2014

Es gab eine Zeit, da war Balkan Brass in aller Ohren. Das war vor ungefähr zehn Jahren. Oder auch vor fünf. Jeder vernünftige Veranstalter hatte regelmässige Balkanpartys im Programm. Das brachte Stimmung und gute Einnahmen.

Berühmt geworden war der Balkan Brass in unseren Breitengraden vor allem durch die Filme von Emir Kusturica. Für seinen Film «Underground» (1995) steuerte der Komponist und Musiker Goran Bregović den Soundtrack bei. Bregović war bis 1988 Bandleader der im ehemaligen Jugoslawien äusserst erfolgreichen Band Bijelo Dugme. Später arbeitete er hauptsächlich mit Roma-Blaskapellen.

Auch Brassbands wie Fanfare Ciocărlia, Boban Marković Orkestar oder auch die Mahala Rai Banda aus Rumänien feierten in den späten 1990er-Jahren grosse Erfolge in Europa. Und ab der Jahrtausendwende war es vor allem Stefan Hantel alias DJ Shantel, der den Balkan Brass entdeckte und mit seinen Remixes ein breites Publikum bespielte.

Viel Kraft und Blech

Die Band Traktorkestar im Porträt.

Bildlegende: Die Berner Band «Traktorkestar» hat ihren eigenständigen Musik-Stil gefunden. ZVG

Traktorkestar sind so gesehen etwas anachronistisch unterwegs. Die Berner Brassband gibt es seit fünf Jahren. Ihr Bandleader Balthasar Streit reiste 2008 zum berühmtesten Brassmusik-Festival der Welt, nach Guča in Westserbien. Hier treten die besten und bekanntesten Blasmusik-Kapellen Serbiens und der Welt auf. In einem Wettbewerb gewinnt die Band, die vom Publikum am meisten Beifall erhält.

Der Jazzmusiker Balthasar Streit war begeistert ob der Energie, der Spiel- und Lebensfreude, die die Musiker verströmten. Zurück in der Schweiz trommelte er elf Studienkollegen zusammen und gründete mit ihnen Traktorkestar. Orkestar ist das serbische Wort für Orchester, Kapelle. Und ein Traktor? Nun, ein Traktor ist ein Traktor. Ein Landwirtschaftsfahrzeug, was mit recht viel Kraft und Blech daherrollt. Und manchmal auch drüberrollt.

Einflüsse aus Schweizer Volksmusik und Jazz

Streits Ziel war es, einmal im Leben in Guča spielen zu können. Bereits 2009 war es so weit: Die Berner wurden nach Serbien eingeladen und von 100‘000 Leuten frenetisch auf der Hauptbühne gefeiert. Seit damals hat sich einiges geändert. Während Traktorkestar zu Beginn hauptsächlich traditionelle Songs nachspielten, mischten sich immer mehr Einflüsse aus Schweizer Volksmusik und Jazz in die Interpretationen.

Und mittlerweile besteht ein Grossteil ihres Programms aus Eigenkompositionen, inspiriert durch den serbischen Balkansound. Auf ihrem neuen Album «Les Mémoires d’un Trottoir» findet man sowohl traditionelle, selbstkomponierte «Čočeks» (serbische Tänze) als auch Stücke mit Schwyzerörgeli oder auch den Song «Un Tour d’Horizon» mit Gast-Rapperin Steff la Cheffe.

Gerade wegen dieser Weiterentwicklung und der musikalischen Virtuosität der zwölf Berner funktioniert Traktorkestar. Sie haben sich vom klassischen Balkan-«ufta-ufta-uftata» gelöst und einen eigenständigen Sound gefunden. Nur so kann man Partytrends entgegentreten und Beliebigkeit vermeiden.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Im Balkansound zu Hause: Die Berner Band «Traktorkestar»

    Aus Kulturplatz vom 9.4.2014

    Seit nunmehr fünf Jahren lassen «Traktorkestar» das Blech scheppern, die Trompeten jubeln, die Beine zappeln. Balkan Brass aus Bern! Die zwölf Musiker haben ihre musikalische Heimat gefunden. Und loten dabei immer wieder ihre Grenzen aus. Auf ihrem neuen Album «Les mémoires d'un Trottoir» mischen sie harmonischen Moll mit Schweizer Rap und französischem Chanson. Dazu ein wenig Schwyzerörgeli und südserbischen Tanzrhythmus. Während sie auf den ersten Platten noch viele Traditionals kopierten, unterstreichen sie neuerdings mehr ihre musikalische Eigenständigkeit.

    Julia Bendlin

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