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40. Todestag von Elvis Vergesst die Ikone Elvis – aber hört genau hin bei seiner Musik

Elvis Presley sang gerade so sexy, dass die Zensurbehörde sich nicht einschalten musste. Statt mit Mythen sollten wir uns wieder mehr mit seiner Musik befassen, sagt der Journalist Greil Marcus.

Elivs Presley, in den 1960er-Jahren.
Legende: Vor 40 Jahren starb Elvis Presley. Erinnert werden mehr Mythen als Musik. Getty Images

SRF: Greil Marcus, als was ist Elvis Presley heute wichtiger: als kulturelle Ikone der USA oder als Musiker?

Greil Marcus: Seine Existenz als Musiker ist heute bei weitem wichtiger! Seine Fähigkeiten als Musiker, sein Genie als Sänger, sein Verständnis von Songs, deren Bedeutung in seinem Leben und für die Gesellschaft ganz allgemein – das wird immer noch nicht ganz verstanden. Es wird auch nicht genügend gewürdigt. Elvis als Musiker ist eine Geschichte, die immer noch nicht richtig erzählt wurde.

Beiträge zu Elvis

Aber was ist mit der Ikone Elvis?

Seine Stellung als kulturelle Ikone entspricht dem vertrockneten Leichnam einer Idee. Dieser liegt seit etwa 40 Jahren in der Sonne und ist inzwischen ziemlich abgestanden. Da gibt es nichts Spannendes mehr dazu zu erzählen. Elvis ist sozusagen in der amerikanischen Kulturgeschichte verschwunden.

Zu Elvis als Ikone gibt es nichts Spannendes mehr zu erzählen.

Früher war er ein Bezugspunkt. Noch vor 20 oder 15 Jahren wurde er erwähnt – auch als Witz oder als abschreckendes Beispiel – aber er war immer faszinierend für sehr viele Leute. Unbewusst attraktiv für das breite Publikum, sehr bewusst attraktiv für Sänger und Musiker.

Doch der Elvis als Referenzgrösse ist verschwunden. Man muss also zu seinem riesigen Werk zurückkehren, um Dinge zu hören, die wir noch nicht richtig kennen.

Das scheint aber beinahe unmöglich: Das Werk eines Mannes, der 1977 starb, ist doch wohl umfänglich erforscht?

Das meint man nur, denn immer wieder kommen Archivaufnahmen heraus. Die muss man aufmerksam anhören. Ein Beispiel: Vor 14 Jahren kam ein Sampler heraus mit unveröffentlichten Stücken, darunter eines, das mich wirklich beeindruckt hat.

«Young and Beautiful» heisst das Stück. Und in dieser Version singt er es zu einer akustischen Gitarre, die man fast nicht hört. Das ist eine zarte, gefühlvolle Version, die beinahe Angst macht, so zerbrechlich wirkt sie. Jedenfalls hat man so etwas von Elvis nie gehört.

Am Ende der Aufnahme lacht Elvis kurz auf – und man fragt sich: Warum lacht der jetzt nach diesem unglaublich schönen Lied?

Elvis mit Gitarre im Studio, Aufnahme von 1956.
Legende: Als Ikone ist Elvis bekannt, als Musiker noch zu entdecken. Getty Images

Und dann hört man ihn zum Aufnahmeleiter sagen: «Du, soll ich mich noch mehr reinlegen? Wenn ich das tu, kommen wir nicht an der Zensurbehörde vorbei.»

Das bedeutet, dass Elvis alles total im Griff hatte und sich aller Konsequenzen voll bewusst war: Er wusste, wenn ich das noch erotischer darbiete, dann haben wir keine Chance, das zu veröffentlichen.

Elvis war ständig auf der Suche nach dem wahren Kern eines Songs, er wusste, wie sich ein Lied für ihn anfühlte und wie es das Publikum aufnehmen würde, sogar die Zensurbehörde.

Das sind diese Geschichten, die über Elvis erzählt werden müssen: Die Geschichten eines Mannes, der anders sang als alle andern.

Nun hat man aber immer gesagt, der wesentliche Elvis ist, musikalisch gesehen, der Elvis der frühen Tage, des ersten Albums und der ersten Singles bei der Grossfirma RCA.

Ja, Elvis’ Leben in Kurzfassung klingt meistens so: Zuerst war er revolutionär, dann ging er in die Armee, dann kam Hollywood und dann war nichts mehr wie zuvor.

Er hatte ein tolles, aber kurzes Comeback Ende der 1960er-Jahre. Dann zog es ihn nach Las Vegas, er wurde dick und dann starb er. Daran ist vieles wahr – aber es gibt auch eine interessantere Wahrheit darüber hinaus.

Ich sage dazu nur: Hört genau hin! Viele junge Leute entdecken heute diesen Musiker, der gestorben ist, als ihre Eltern geboren wurden. Die hören sein Werk mit frischen Ohren, ohne den ganzen Ballast von Legenden, Klischees und Mythologie.

Ich sage nur: Hört genau hin!

Diese jungen Leute entdecken einen einzigartigen Mann, einen eigenwillig schönen, auch seltsamen Mann, bei dem die Natur scheinbar Mühe hatte, sich auf eine Rasse festzulegen. Einen wunderbar unangestrengten Sänger, der singt wie niemand anders vorher oder nach ihm. Irgendwie schien er in allem eine Kategorie für sich selbst zu sein.

Das Gespräch führte Eric Facon.

Programm: Zum 40. Todestag von Elvis

Zeit
Titel
Sender
13.08. 16.10 UhrElvis und Priscilla – Die wahre Geschichte dieser JahrhundertliebeSRF 1
16.08. 16.05 UhrZum 40. Todestag von Elvis – The King of Rock'n'RollSRF 2 Kultur
16.08. 18.40 Uhr«G&G Spezial» zu Elvis PresleySRF 1
18.08. 00.15 UhrRhythmus hinter Gittern («Jailhouse Rock»)SRF 1
20.08. 23.30 Uhr«Sternstunde Musik»: This Is Elvis – Chronik einer amerikanischen AlbtraumkarriereSRF 1

Zur Person

Greil Marcus
Legende: Imago/Leemage

Greil Marcus ist ein US-amerikanischer Kulturkritiker. Er befasst sich besonders mit dem Einfluss der Populärkultur auf die Gesellschaft. Greil Marcus hat sich in verschiedenen Büchern mit zwei Figuren der frühen Pop- und Rockszene auseinandergesetzt: mit Elvis Presley und Bob Dylan.

Buchhinweis

Greil Marcus über die Frühzeit des Rock:

  • Mystery Train: Images of America in Rock 'n' Roll Music, Plume, 1975

Greil Marcus über den Elvis-Kult seit dessen Tod:

  • Dead Elvis, Harvard University Press, 1999

3 Kommentare

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