Vladimir Horowitz – oder was bedeutet Virtuosität

Zirkusvirtuose schimpften die einen, Genie nannten ihn die anderen. Der Pianist Vladimir Horowitz liebte die Kontraste in seinem Spiel und polarisierte das Publikum. Der wahrscheinlich letzte romantische Klaviervirtuose starb vor 25 Jahren.

Vladimir Horowitz sitzt am Klavier und winkt.

Bildlegende: Vladimir Horowitz winkt dem applaudierenden Publikum in Moskau, 1986. Keystone

Zuerst zu einer Frage, ohne deren Klärung man das Phänomen Horowitz nicht erfassen kann. Was ist Virtuosität? Dazu entsorgen wir zuerst ein altes Klischee: Schwierige Stellen schnell und laut runter zu donnern ist lediglich die banalste Ausprägung von Virtuosentum. Ein sportlicher Kraftakt, der mit viel Training erreichbar ist. Dass auch Horowitz diesen beherrschte, das ist selbstverständlich und in jungen Jahren hat er ihn zum Teil genussvoll zelebriert.

Doch die wahre Virtuosität, die zeigt sich in den unbeschränkten Möglichkeiten des Ausdrucks. Wenn es technisch keine Schwierigkeiten mehr gibt, wenn alles möglich wird, alles sagbar, dann eröffnen sich neue Dimensionen.

Ganz nah und trotzdem scharf

Horowitz posiert sitzend am Klavier

Bildlegende: Der junge Vladimir Horowitz, 1933. Keystone

Ein paar Analogien: Mehr Virtuosität bedeutet mehr Möglichkeiten. Mehr Möglichkeiten bedeuten zum Beispiel mehr Pixel, eine höhere Auflösung. Mann kann ganz nah ran zoomen und es bleibt alles immer deutlich und scharf.

Mehr Möglichkeiten bedeuten auch ein grösserer Wortschatz. Damit lassen sich die Dinge neu, anders, treffender, bewegender, verstörender ausdrücken. Jede noch so feine Schattierung, jede Zwischenfarbe, jede Perspektive wird darstellbar, Farben und Pinsel liegen in endloser Abstufung bereit. Und zuletzt: Ein grosser Virtuose ist wie ein grosser Schauspieler. Er kann in einem Bruchteil einer Sekunde vom Engel zum Mörder werden. Kurzum: Virtuosität ist Transzendenz, Metaphysik.

A star is born

Doch zurück zu Horowitz. Welche Kategorie von Können hier vorlag, das war schnell klar. Spätestens seit seiner Abschlussprüfung am Konservatorium von Kiew. Es war und ist bis heute das einzige Mal, dass die gesamte Jury nach dem Vortrag eines Studenten aufstand und applaudierte. Wohlgemerkt: Wir sprechen nicht von einer Waldorfschule, sondern von einem sowjetischen Elite-Ausbildungsinstitut, in dem ein offenes Lob wahrscheinlich seltener ausgesprochen wurde als die freie Meinung beim KGB.

Töne zwischen Himmel und Hölle

Der junge Vladimir Horowitz – und seine damalige Umsetzung von Virtuosität – wurden früh bewundert, aber auch scharf kritisiert. Horowitz liebte die Kontraste. Auf der einen Seite war da der Opernliebhaber und sein Versuch, auf dem Klavier zu singen wie Caruso.

Auf der anderen Seite die Faszination für das Harte, Metallische. Horowitz konnte einen Ton wunderschön zum Singen bringen, aber er konnte ihn auch gnadenlos brutal klingen lassen. Himmel und Hölle. Und wenn er die Hölle wählte, dann war er nicht davon abzubringen. Seine Lehrer verzweifelten daran. Als alter Mann musste er bekennen: «Ich glaube, sie hatten wohl recht damit, dass ich ziemlich gedroschen habe.»

Altersmilde?

Vladimir Horowitz hat stets polarisiert. Man liebte ihn oder sprach mit Verachtung von einem Zirkusvirtuosen, einem Hochleistungssportler. Es war jedoch nicht sein Körper, der zwischenzeitlich nicht mehr mochte, sondern seine Seele. Mehrmals unterbrach Horowitz seine Laufbahn und zog sich jahrelang aus dem öffentlichen Konzert-Leben zurück, von Depressionen geplagt.

Erst im Alter waren es dann auch die physischen Kräfte, die nachliessen. Dafür kam etwas anderes, Neues hinzu, etwas ganz unspektakuläres: Da sass nun immer öfter ein älterer Mann am Konzertflügel, der sein Leben gelebt hat, der nichts mehr beweisen musste, der es einfach genoss, den Menschen eine Freude zu machen, mit kleinen musikalischen Gesten, mit Licht und Schatten, gespiegelt in seiner Mimik.

Das singende Klavier

Nahaufnahme Vladimir Horowitz

Bildlegende: «Das Wichtigste ist, das Klavier von einem Schlaginstrument in ein Gesangsinstrument zu verwandeln» – Vladimir Horowi... Keystone

Sein Spiel wurde immer unbeschwerter, kindlicher, in gewissem Sinne auch immaterieller, abwesender. Der Drang zu technischer Perfektion und Bravour lag nun weit zurück, war abgeschlossen, erledigt. Was blieb war das, was ihn schon als Kind zur Musik trieb: die Liebe zum Gesang, zum Singen am Klavier.

Er selbst sagte es so: «Das Wichtigste ist, das Klavier von einem Schlaginstrument in ein Gesangsinstrument zu verwandeln … ein singender Ton besteht aus Schatten, Farben und Kontrasten. Das Geheimnis liegt vor allem in den Kontrasten.» Vladimir Horowitz starb mit 86 Jahren am 5. November 1989 in New York City.

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