Der «Ring des Nibelungen» in 6 Minuten und 11 Sekunden

«What's Opera, Doc?» ist ein Cartoon-Meisterwerk von 1957, das Wagners Ring auf die Schippe nimmt. Chuck Jones führte die Regie in diesem wundervollen Trickfilm von Warner Bros., der alle Register des Genres zieht und die altbekannte Charakterdynamik in ein komplett neues Umfeld transponiert.

Elmer Fudd als Wagners Siegfried mit Ritterrüstung, Speer und «magic helmet».

Bildlegende: Der Bugs Bunny-Mythos wird zum Brünnhilde-Mythos: Elmer Fudd als Siegfried. Warner Bros./Looney Tunes Pictures

Der klassische «Elmer Fudd jagt Bugs Bunny»-Plot ist eine ewige Hassliebe, die in unzähligen «Looney Tunes»-Trickfilmen hinauf und hinunter dekliniert wurde. Die Charaktere sind in ihrer archetypischen Rollenverteilung bereits sagenhaft: Von Episode zu Episode verändern sich nur Details, die Prämisse ihres Zusammentreffens ändert nie.

In der Episode «What’s Opera, Doc?» wird der Einsatz erhöht. Einmalig daran: Die Geschichte spielt vor einem mythologischen Hintergrund. Der Bugs Bunny-Mythos wird dabei auf den Brünnhilde-Mythos übertragen. Die beiden Sagen interagieren spielerisch, die Ästhetik der Oper und des Trickfilms ergänzen sich in Perfektion. Oper und Cartoon bedienen sich bombastischer Musik um die Handlung voran zu treiben und setzen auf die grosse Geste und rasante Stimmungsumschwünge. In Sekunden vollzieht Elmer Fudd den Wandel vom harmlos Plappernden zum rasenden Jäger, wenn er merkt, dass Bugs Bunny ihn wieder einmal zum Narren gehalten hat.

Die Regeln komplett neu definiert

Bugs Bunny, mit Perücke, Helm, Kleid und Brustattrape verkleidet als Brünnhilde.

Bildlegende: Solange die Perücke sitzt, zum Verwechseln ähnlich: Bugs Bunny bricht als Brünnhilde das Herz von Elmer Fudd sofort. Warner Bros./Looney Tunes Pictures

Ein Regisseur ist, wie ein Orchester-Dirigent, der Herr im Ring. Doch kein Regisseur hat mehr Macht als der Trickfilmregisseur. Er ist von den Einschränkungen des geordneten physikalischen Universums und den Grenzen des menschlichen Schauspielers befreit und kann jede Geschichte erzählen, die ihm seine Phantasie eingibt.

Chuck Jones hat die Regeln des animierten Universums neu definiert: Hier kann alles passieren, hier herrscht – nicht nur physikalische – Anarchie. Seine meist sieben Minuten langen Cartoons leben vom ewigen Konflikt von Realität und Wunsch. Elmer Fudd möchte einen Hasen erlegen, versucht es, immer und immer wieder – vergeblich.

In «What's Opera, Doc?» geht Chuck Jones einen Schritt weiter, er befreit sich selbst von Trickfilm-Konventionen. Ein halbes Dutzend Wagner Opern müssen herhalten, um die Romanze zwischen Elmer und Bugs zu bedienen. Und, zum ersten Mal empfinden wir Mitleid für Elmer, dieser Figur, die nur existiert, um Bugs Bunnys Opfer zu sein. Hier löst sich die rituelle Elmer-Bugs-Rivalität beinahe in Wohlgefallen auf. Am Ende von «What’s Opera, Doc?» ist Elmer für einmal nicht besiegt. Er schreitet mit Helm und Speer und Hasen unter dem Arm davon. Verletzt das nicht alle Regeln? Wie kam es dazu?

Elmer als Siegfried und Bugs als Brünnhilde

In der Eröffnungssequenz sehen wir den Schatten eines mächtigen Wikingers, der einen gewaltigen Sturm entfacht. Die Kamera schwenkt nach unten und enthüllt: Elmer Fudd, ganz klein, als Halbgott Siegfried. Elmer singt seine Erkennungsmelodie in gedehntem Südstaaten-Amerikanisch: «Be vewy qwiet, I’m hunting wabbits» (Seid ganz leise, ich jage Hasen), und macht sich dann zu Bugs Bunnys Hasenbau auf.

Bugs sieht zu, wie Elmer rasend seinen Speer in den leeren Bau sticht und zur Melodie des Walkürenritts «Kiww the wabbit! Kiww the wabbit!» (Tötet den Hasen) intoniert. Im Gegenzug singt nun Bugs seine Erkennungsmelodie «What’s up, doc?» (Is was, Doc?) zum Thema von Siegfrieds Hornruf aus dem Ring. Dann macht sich Bugs über Elmers Speer und Zauberhelm lustig. Elmer kontert mit einer Demonstration von Siegfrieds übermenschlichen Kräften zur Ouvertüre vom «Fliegenden Holländer».

Das lässt Bugs fliehen, die Jagd beginnt. Elmer trifft dabei auf die wunderschöne Brünnhilde – Bugs, verkleidet, auf dem Rücken eines unglaublich fetten Schimmels. Als er sie erblickt, bleibt er von Amors Blitz getroffen stehen. Siegfried und Brünnhilde tauschen zur Ouvertüre von «Tannhäuser» zarte Worte. «Oh Bwunhilde, you'w so wovewy!» «Yes I know it; I can't help it!» «Oh Bwunhilde, be my wove!»

Eine Oper mit Happy End?

Elmer Fudd als Siegfried und Bugs Bunny als Brünnhilde in einem «Pas de deux».

Bildlegende: Ballet der ganz anderen Art: Elmer Fudd als Siegfried und Bugs Bunny als Brünnhilde in einem «Pas de deux». Warner Bros./Looney Tunes Pictures

Nach der obligatorischen «Hasch mich, ich bin der Frühling»-Szene, tanzen Bugs und Elmer in einer Variation der Venusberg Szene in «Tannhäuser». Als Bugs die Perücke verliert, begreift Elmer, dass er wieder einmal zum Narren gehalten wurde. Er schleudert zum Walkürenritt Blitze auf Bugs, der Hase wird getroffen.

Im Angesicht des leblosen Körpers bedauert Elmer, wie immer, seine Untat. Mit Tränen in den Augen trägt Elmer seinen Hasen vermutlich nach Walhall. Auch hier wird die Szene wieder mit der Ouvertüre aus dem Tannhäuser unterlegt. Zum Schluss fällt Bugs aus der Rolle und wendet sich ans Publikum: «Well, what did you expect in an opera? A happy ending?» (Was erwarten Sie von einer Oper, doch kein Happy End?)

«What’s Opera, Doc?», das sind sechs Minuten der Superlative: Disneys «Fantasia», modernes Ballet, Wagners Opulenz und selbst das Elmer-Bugs-Klischee werden auf den Arm genommen. Kein Wunder, dass der Cartoon 1992 wegen seiner «kulturellen, historischen und ästhetischen Relevanz» als erster Trickfilm in die «National Film Registry» aufgenommen wurde.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel