Wau wau Wagner: Wie Richard Wagner auf den Hund gekommen ist

Viele Biographen glauben, bei den jeweils Nächsten eines Menschen handle es sich wiederum um einen Menschen. Kerstin Decker vermeidet diesen Irrtum und erzählt von Richard Wagner, dem Hundeliebhaber.

Skulptur des Aktionskünstlers Ottmar Hörl neben einer Bayreuther Parkbank während der Festspiele 2004.

Bildlegende: Rund 800 Neufundländer des Aktionskünstlers Ottmar Hörl bewachten während der Festspiele 2004 die Parkbänke Bayreuths. Andrea Sohler

Der Sturm peitscht den Holländer über die stürmische See, die Wellen schlagen hoch und der Operngast schaudert – nur Wagner musste kotzen auf jenem Schiff, das dann später zum Vorbild seines «Fliegenden Holländers» wurde.

Das Spannungsverhältnis zwischen dem profanen Erlebnis einer stürmischen Seereise und seiner künstlerischen Überhöhung in der Oper bestimmt auch jenes zwischen Richard Wagner und seinen Hunden. Daraus entspringt eine Komik, die schon im Titel von Kerstin Deckers Buch anklingt: «Richard Wagner, mit den Augen seiner Hunde betrachtet.» Da ist auf der einen Seite Richard Wagners pathetisch-überhöhte Musiksprache, auf der anderen Seite stehen die banalen Bedürfnisse seiner Hunde.

Der Hund ist Schuld am «Fliegenden Holländer»

Als Wagner noch Kapellmeister in Riga war, häufte er derart viele Schulden an, dass nur noch die Flucht vor seinen Gläubigern half – und natürlich musste auch der Hund mit. Der hiess «Robber» und war ein Neufundländer, ein besonders grosser noch dazu, also das diametrale Gegenteil eines Schosshundes. Deshalb war in der Postkutsche kein Platz für ihn. Als Wagner dann das dick bepelzte Tier in der prallen Sonne neben der Kutsche herlaufen sah, befiel ihn Mitleid. Sie wechselten auf das Schiff. So begann die stürmische Seereise, aus der später der «Fliegende Holländer» entstand. Und wer war schuld? Der Hund!

Der Hund erklärt Wagner die Liebe

Als Wagner Jahre später an seinem «Tannhäuser» arbeitet, geht der hündische Einfluss noch weiter: Statt eines Neufundländers hat Wagner jetzt einen Zwergspaniel namens «Peps», der ihm beim Komponieren hilft. Kurz: Der Hund ist geschrumpft, sein Einfluss gewachsen. Denn Peps liegt beim Komponieren neben ihm und kommentiert per Körpersprache, was der Meister so erdacht: «Bei E-Dur spannte sich jede Faser seines kleinen Körpers», zitiert Kerstin Decker Wagner aus einem Brief.

Im «Tannhäuser» klingt die sinnliche Liebe in E-Dur. Bekanntlich verlässt der «Tannhäuser» aber den Venusberg und die sinnliche Liebe wieder und betet nun Elisabeth an, im Gegensatz zur sinnlichen die göttliche Liebe. Was Peps nicht besonders beeindruckte: «Bei Es-Dur wedelte er etwas schläfrig mit dem Schwanz» – und so erklingt die göttliche Liebe im «Tannhäuser» in Es-Dur.

Nicht «auf den Hund gekommen», sondern «vom Hund gekommen»

Launig, nicht immer ganz flüssig, erzählt Kerstin Decker das Leben Richard Wagners. Also doch nur eine weitere Biographie im Wagner-Jubel-Jahr? Nein, das Buch erreicht mit seiner ungewöhnlichen Perspektive auch jene Leser, die Wagners Pathos nur dann erträglich finden, wenn es ironisch gebrochen wird. Und es erzählt von einem Menschen, den man im Umgang mit seinen Zeitgenossen mit Fug und Recht ein Charakterschwein nennen kann. Der durch die Liebe zu seinen Hunden aber wieder in einem milderen Licht erscheint.

Buchhinweis:

Kerstin Decker: «Richard Wagner. Mit den Augen seiner Hunde betrachtet». Verlag Berenberg, 2013.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Wagners Hunde

    Aus Kulturplatz vom 22.5.2013

    Richard Wagner (1813 bis 1883) war ein grosser Hundeliebhaber. An seiner Seite überlebten seine treuen tierischen Begleiter Revolutionen und Meeresstürme. Neben der Musik blieben Peps, Robber und andere Hunde die einzige Konstante im Leben des Meisters. Und da Richard Wagner mit den Tieren so eng verbunden war, nahmen sie sogar auch Einfluss auf seine Musik. «Kulturplatz» überlässt Wagners Hunden das Wort.

    Sebastian Günther

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