«Waldmärchen» von Hermann Goetz: nach 150 Jahren ausgegraben

Er kam in die Schweiz, um der Tuberkulose zu trotzen: Der Pianist, Organist, Dirigent und Komponist Hermann Goetz. Auch musikalisch führte er hier seine Reise fort – in Winterthur und Zürich, wo sein Nachlass heute noch liegt. Darin nach 150 Jahren wiederentdeckt: sein «Waldmärchen».

Ein Wald, in dem eine dunkle Stimmung herrscht.

Bildlegende: Nach 150 Jahren wiederentdeckt: Das «Waldmärchen» von Hermann Goetz. Flickr / Jyrki Salmi

Hermann Goetz hatte Tuberkulose. Seit seinem 14. Lebensjahr litt der Junge aus dem preussischen Königsberg daran. Ein guter Grund, in die Schweiz zu ziehen: Das hiesige Klima würde seiner Gesundheit gut tun. Er bewarb sich also nach seinem Studium in Winterthur. Und bekam eine Stelle als Organist in der Stadtkirche. Das Orgelspiel hatte er sich notabene selbst beigebracht.

In Winterthur trat Goetz 1863 seine erste Stelle an und das mit viel Elan. Er gründete zudem einen gemischten Chor, gab Klavierstunden und half als Pianist in den Konzerten des Musikkollegiums mit. Goetz verblüffte dabei weniger mit Kraft und Energie, sondern wurde für sein feines und durchsichtiges Spiel gelobt.

Zürich: Goetz‘ letzte Station

Hermann Goetz im Porträt.

Bildlegende: Wurde 1840 in Königsberg geboren: Hermann Goetz. Wikimedia / Magnus Manske

Zusammen mit seiner Frau Laura, die er in Winterthur kennengelernt hatte, zog Hermann Goetz 1870 nach Hottingen um, eine damals noch eigenständige Gemeinde bei Zürich. Er wurde als Solist für Abonnementskonzerte in der Tonhalle engagiert, schrieb Rezensionen für die «NZZ» und komponierte intensiver. Es entstanden unter anderem eine Oper, eine Sinfonie und ein Klavierquintett.

Doch dann holte ihn die Tuberkulose ein. Am 3. Dezember 1876, drei Tage vor seinem 36. Geburtstag, starb Hermann Goetz an den Folgen der heimtückischen Krankheit.

Seine Tochter Margarete schenkte später den Nachlass ihres Vaters der Zentralbibliothek Zürich. Auf das Nachlass- und Werkverzeichnis kann man heute von zu Hause aus online zugreifen. Wer sich die Manuskripte anschauen will, muss allerdings der ZB einen Besuch abstatten.

Aus dem Archiv geborgen

Einer, der sich kürzlich intensiv in die Manuskripte von Hermann Goetz vertieft hat, ist der deutsche Pianist Christof Keymer. Er entdeckte unter Goetz' Werken ohne Opuszahl Erstaunliches: Das Klavierstück «Waldmärchen». Komponiert 1863 in Winterthur. Es ist jedoch nur eine fotografische Kopie des Manuskripts. Das Original ist verschollen. Christof Keymer gelang es, die Kopie zu entziffern und das «Waldmärchen» nach 150 Jahren wieder zum Leben zu erwecken. Die 15 Minuten Musik sind nun zusammen mit anderen zum Teil bisher unveröffentlichten Klavierstücken von Hermann Goetz auf einer Doppel-CD erschienen.

«Hermann Goetz: Sämtliche Klavierwerke» heisst die klingende Sammlung. Diesen Titel gab es auf dem CD-Markt bereits einmal. 20 Jahre ist das her. Der amerikanische Pianist Adrian Ruiz spielte sie damals ein, wahrscheinlich mit bestem Wissen und Gewissen. Vom «Waldmärchen» wusste er damals noch nichts.

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