Brahms kämmte die Haare seiner Werke

Wie viele Komponisten, so bearbeitete und überarbeitete auch Johannes Brahms mehrere seiner eigenen Werke. Die Urfassungen werden im heutigen Konzertbetrieb meist vernachlässigt. Manchmal zu Unrecht.

Ein Foto von Brahms auf zusammengeknüllten Noten.

Bildlegende: Auch Brahms überarbeitete seine Werke immer wieder. Matthias Willi (Porträt Brahms: Wikimedia)

Gut, wer je das mächtige erste Klavierkonzert op. 15 im Original gehört hat, möchte es sich kaum in einer der ursprünglich geplanten Formen vorstellen: als Sonate für zwei Klaviere oder als Sinfonie.

Auch Brahms‘ Klavierquintett op. 34 erhält vor allem durch die Mischung von Streicher- und Klavierklang besonderen Reiz. Ausserdem kommen in dieser Version des Kammermusikwerks die Strukturen des Werks besser zur Geltung als bei der früheren Fassung für zwei Klaviere. Zuallererst hatte es Brahms als Streichquintett konzipiert.

Die Frühfassung von op. 8

Bei seinem ersten Klaviertrio in H-Dur hat er immerhin die Besetzung beibehalten. Die erste Fassung dieses op. 8 komponiert Brahms als 20-jähriger Jüngling 1853/1854.

In dieser Zeit lernt er Robert Schumann und dessen Frau Clara in Leipzig kennen. Brahms‘ Verehrung für Clara spricht aus seinen schwärmerischen Briefen wie auch aus Andeutungen in einiger seiner Stücke.

In der Erstfassung des H-Dur-Trios etwa zitiert er aus Ludwig van Beethovens Liederzyklus «An die ferne Geliebte». Das gleiche Zitat verwendet auch Robert Schumann in manchen seiner Stücke als liebevolle Widmung an seine Frau.

Die Spätfassung

35 Jahre später überarbeitet der mittlerweile 56-jährige Brahms sein erstes Klaviertrio. Er schreibt dazu in einem Brief an Clara: «Mit welcher Kinderei ich schöne Sommertage verbrachte, rätst Du nicht. Ich habe mein H-Dur-Trio noch einmal geschrieben und kann es op. 108 statt op. 8 nennen. So wüst wird es nicht mehr sein wie früher – oder aber besser?»

Das Beethoven-Zitat entfernt er, ebenso eine Referenz an Franz Schuberts sehnsuchtsvolles Lied «Am Meer». Es wird vermutet, dass Brahms diese Stellen verwirft, weil er sie rückblickend als zu intime und zu offensichtliche Grüsse an Clara empfindet.

Anderer Gestus

Neben diesen möglicherweise autobiografisch bedingten Veränderungen strafft Brahms das ganze Werk formal, streicht mehrere hundert Takte und damit etwa acht Minuten Musik. Er ersetzt Themen und verdichtet die thematische Arbeit. Die Spätfassung ist insgesamt deutlich kompakter gefügt und ausgeglichener in den Proportionen.

Vor allem der erste Satz gewinnt dadurch an Zug, verliert aber auch starke Kontraste und seinen ursprünglichen, neugierig erforschenden und fast flanierenden Gestus.

Die ritardierten und verweilenden Momente wie auch die ausgeprägten kontrapunktischen Episoden lässt Brahms fallen. Er hat dem Trio «die Haare ein wenig gekämmt und geordnet», wie er einem Freund schreibt.

Zwiespältiges Verhältnis

Trotz der Überarbeitung scheint Brahms nach wie vor mit diesem Werk zu ringen. An seinen Verleger schreibt er etwas kokettierend: «Wegen des verneuerten Trios muss ich noch ausdrücklich sagen, dass das alte zwar schlecht ist, ich aber nicht behaupte, das neue sei gut!»

An Clara schreibt er persönlicher: «Ich hatte das Stück schon zu den Toten geworfen und wollte es nicht spielen. (…) Nun ist mir lieb, dass ich’s doch gespielt habe.»

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