Die Blitz-Karriere der Julia Lezhneva

Julia Lezhneva hat eine dieser Stimmen, die auch sachliche Zeitgenossen zum unsachlichen Schwärmen verführen. Erst 23 ist die Russin und singt so leicht und schnell und hoch und mühelos, dass einem schwindlig wird. Immer schwingt auch ein unschuldiger Ton mit, der das Paradies auf Erden verspricht.

Julia Lezhneva in einem weissen Kleid lächelnd vor einem Fenster. Im Hintergrund ein Weiher und Bäume.

Bildlegende: Leicht, schnell, hoch, mühelos: Von Julia Lezhnevas Stimme kann einem schwindlig werden. Decca/Uli Weber

«Die neue Callas!» So titelte vor zwei Jahren die französische Zeitung Le Figaro. Das ist ziemlich dumm, denn wer wünscht schon einer Sängerin das Schicksal der Callas, die daran scheiterte, einem bestimmten Image zu entsprechen. Und die stimmlich immer wieder Probleme hatte.

Aber es ist schon klar, was die Schlagzeile meint. Julia Lezhnevas Stimme lässt niemanden kalt, auch nicht ihre Kritiker. Das hat natürlich die Musikindustrie gemerkt, seit diesem Jahr ist die Sopranistin bei einer grossen Plattenfirma unter Vertrag. Damit besteht aber auch die Gefahr, dass die junge Künstlerin verheizt wird: Wer ein bisschen verfolgt, wie viele junge Künstlerinnen in den letzten Jahren buchstäblich auf den Markt geworfen wurden und bald wieder verschwanden, dem kann angst und bange werden.

Entdeckt auf YouTube

Allerdings stimmen Julia Lezhnevas selbstsichere Auftritte in der Öffentlichkeit zuversichtlich. Ruhig und in bestem Englisch erzählt sie von ihren Eltern: Die beiden Geophysiker im fernsten Nordosten Russlands hätten sie am liebsten als Mathematikerin in der akademischen Elite gesehen. Aber die völlig andere Begabung der Tochter war zu offensichtlich.

Seit dem Alter von 12 Jahren nimmt sie an Gesangswettbewerben teil. Von diesen wird sie nicht traumatisiert, wie viele ihrer Kollegen, sondern gestärkt. Schliesslich gewinnt sie auch fast alle. Einen ihrer frühen Wettbewerbserfolge stellt sie auf YouTube, dort sieht sie der Dirigent Marc Minkowski und engagiert sie für ihr erstes Konzert in Westeuropa. Julia Lezhneva wird zur Internet-Entdeckung.

Gefördert von Stars

Im gleichen Märchenstil geht es weiter. Julia Lezhneva studiert in Cardiff, wo viele Gesangsstars für Meisterklassen vorbeikommen, Kiri Te Kanawa zum Beispiel. Die ist so begeistert von ihrer Schülerin, dass sie sie an eine grosse Preisverleihung mitnimmt: Das ist der Durchbruch. Im Usain-Bolt-Tempo ist Julia Lezhneva am Ziel und singt überall: Théâtre la Monnaie in Brüssel, Salzburger Festspiele, Royal Albert in Hall London, Berliner Staatsoper, Wiener Konzerthaus.

Zur Zeit gehört Lehznevas Liebe dem Barock. Begeistert erzählt sie von der Freiheit, ihre Fantasie ausleben und improvisieren zu dürfen. Ihre erste CD mit dem italienischen Barockorchester Il Giardino Armonico enthält ein Programm jenseits des Mainstreams: Italienische Motetten des 18. Jahrhunderts. Eine davon hat sie selbst in der British Library entdeckt, eine Komposition von Nicola Porpora für eine venezianische Nonne, die wegen ihres Standes nicht Oper singen durfte.

Wohin es mit Julia Lezhnevas Stimme in Zukunft geht, ist offen. Vieles ist darin angelegt, sie kann ein lyrischer Sopran sein, ein Mezzosopran mit gestochenen Koloraturen und später vielleicht ein dramatischer Sopran. Im Moment ist sie einfach eine junge, viel versprechende Sängerin.

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