Die Musik erliegt der Shakespeare-Romantik

Shakespeare und die Musik – eine ewige Liaison? Nein. Die Barockoper verschmähte 150 Jahre lang Shakespeares Stücke – die Musik kam erst im 19. Jahrhundert richtig auf den Geschmack, angeregt von Fans wie Goethe. Seither explodiert die Zahl der Shakespeare-Vertonungen geradezu.

Eine Opernsängerin auf der Bühne, umringt von Leuten, die ihre Hände in ihr Gesicht halten.

Bildlegende: Brauchen grosse Gefühle noch Worte? Aufführung von «Romeo und Julia» im Theater St. Gallen 2009. Keystone

«Lest den Sturm!», soll Beethovens Antwort gewesen sein, als er gefragt wurde, worum es in seiner Klaviersonate op. 32 Nr. 2 gehe. Was seine Sonate mit Shakespeares letztem Stück «The Tempest» konkret verbindet, dazu sagte Beethoven allerdings nichts. Etwas rätselhaft also, aber bezeichnend für dieses Werk Anfang des 19. Jahrhunderts: Es will Shakespeares Drama ganz ohne Worte in Musik umsetzen. Und das sollte für das ganze spätere 19. Jahrhundert so sein.

Braucht es Shakespeare?

Ein Mann und eine Frau spielen auf einer Opernbühne das Stück «Otello».

Bildlegende: Otello (links) und Desdemona (rechts) in Gioachino Rossinis Oper «Otello» im Opernhaus Zürich, 2012. Keystone

Naheliegend war zunächst, Shakespeares Stücke in Opern umzuwandeln. Und tatsächlich gibt es sie ja, die «Romeo und Julia»-Opern von Vincenzo Bellini oder Charles Gounod, die «Otello»-Opern von Gioacchino Rossini oder Giuseppe Verdi, «The Merry Wives of Windsor» als «Falstaff» von Verdi und als «Die lustigen Weiber von Windsor» von Otto Nicolai. Zu einem musikalisch-poetischen Meisterwerk wurde der «Sommernachtstraum» mit der umfangreichen Schauspielmusik von Felix Mendelssohn.

Doch brauchte es Shakespeares Worte überhaupt? Oder umgekehrt: Liess sich in der Musik nicht genau jenes Unsagbare sagen, das Worte eben nur andeuten können? So dachte zumindest ein Shakespeare-Fan der ersten Stunde, der Franzose Hector Berlioz, verheiratet (wenn auch unglücklich) mit der englischen Shakespeare-Darstellerin Harriet Smithson, die er in den Rollen von Ophelia, Desdemona und Julia sah und bewunderte.

Kein Wunder also, dass sich Berlioz bald an eine «Romeo et Juliet»-Vertonung (1839) wagte – allerdings mittels eines drastischen Verfahrens: Er wählte nur wenige Einzelszenen aus Shakespeares Stück und vertonte einige davon für Sänger und Chor, einige aber nur rein instrumental für Orchester.

Orchesterhits und Liebesschmerz

Gerade die Szenen mit den grossen Gefühlen – Romeo unter Julias Fenster und im Grab der Capulets bei ihrer «Leiche» – müssen völlig ohne Worte und nur mit dem Orchester auskommen. Und sie können es auch: Die schwärmerische Liebeszene zwischen Romeo und Julia wurde zu einem der grossen Orchesterhits des 19. Jahrhunderts.

Berlioz bezahlte für seine künstlerische Eigenwilligkeit allerdings einen hohen Preis: Sein hybrides Werk wird wenig aufgeführt, es passt weder ins Sinfoniekonzert (zu viel Gesang) noch ins Chorkonzerte (zu viel Instrumentalmusik).

Musik, die Hamlet zeichnet

Andere Komponisten dachten praktischer und auch etwas radikaler: Shakespeare ganz ohne Worte! Besonders für Franz Liszt, den Erfinder der romantischen «Symphonischen Dichtung», ging es natürlich nur so – bei all seinen farbig-spektakulären Stoffen schrieb Liszt nie eine Oper. Seine Symphonische Dichtung hatte ein ambitiöses Ziel: mit Instrumentalmusik sowohl eine Handlung zu erzählen, wie auch deren emotionalen Gehalt zu vermitteln und dabei auch die formale Logik der Sinfonie zu behalten.

Von Shakespeares Dramen wählte sich Liszt «Hamlet» aus. Mehr als um Handlung ging es ihm hier um die musikalische Charakterzeichnung des Helden – «leichenblass, fiebrig begeistert, schwebend zwischen Himmel und Erde»: psychische Zustände also, die gerade Musik bestens malen kann. Damit es etwas Kontrast gab, fügte der Komponist nachträglich zwei «Schattenbilder» hinzu, eines davon «auf Ophelia hindeutend».

Ouvertüren im Theater

Andere Komponisten des 19. Jahrhunderts mochten sich mit diesem radikalen Standpunkt nicht anfreunden. Für sie war erzählende Musik nur eine von vielen Möglichkeiten, gerade auch wenn es um Shakespeare ging. So wählten sie für ihre Shakespeare-Darstellungen die freiere Konzert-Ouvertüre – Werke, die manchmal auch wirklich die Funktion von Ouvertüren haben konnten, allerdings nicht in der Oper, sondern im Schauspielhaus. Da war es nämlich gebräuchlich, ein Theaterstück mit Musik zu eröffnen.

Vier solche Werke schrieb 1879 der in Lachen am oberen Zürichsee geborene, aber in Deutschland tätige und Franz Liszt nahestehende, Joseph Joachim Raff. Seine Orchester-Vorspiele zu «Der Sturm», «Othello», «Macbeth» und «Romeo und Julia» sind immer darauf angelegt, im Sinn einer Opernouvertüre in Kürze den Hauptkonflikt des Dramas darzustellen.

Eine Herausforderung für Tschaikowsky

Ambitiöser, und wieder mehr in der Nähe Liszts, sind dagegen die drei ausgedehnten Shakespeare-Werke von Peter Tschaikowsky. Er bezeichnete sie als Fantasie-Ouvertüre («Hamlet» sowie «Romeo und Julia») beziehungsweise als «Sinfonische Fantasie» («Der Sturm»). «Der Sturm» ist das längste und originellste dieser Werke, am populärsten wurde jedoch «Romeo und Julia».

Dabei tat sich Tschaikowsky mit dem Stoff nicht leicht, erst mit seiner dritten Version war er zufrieden. Da ist musikalisch alles beieinander, was den Kern der Handlung ausmacht: das schwelgerische Liebesthema, die rhythmisch aggressiven Streitigkeiten der verfeindeten Familien, die drohenden Fanfaren der Staatsmacht. Der ganze Shakespeare ist es nicht – es fehlen die derb-komischen Diener, die irren Witze Mercutios – aber es ist der Shakespeare der grossen romantischen Gefühle.

CD-Hinweis

Peter Tschaikowsky: (Drei) Shakespeare-Ouvertüren. Simón-Bolívar-Sinfonieorchester Venezuela; Dir. Gustavo Dudamel

Der Opernführer

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