Drei Höllenhunde für Bregenz

Die Seebühne Bregenz ist bekannt dafür, Opern als Spektakel zu inszenieren. Dieses Jahr zeigt Intendant David Pountney «Die Zauberflöte». Für die Sängerinnen und Sänger sind bei den Proben Höhenangst und schlechtes Wetter die grössten Herausforderungen.

Drei riesige Fabeltiere, eine Mischung aus Hund und Drache, hat der südafrikanische Bühnenbildner Johan Engels in grellen Farben in den See bauen lassen. Es sind die drei Drachenhunde, die in Sarastros Tempel die Tore zur Weisheit, Vernunft und Natur bewachen. Und wenn Papageno gegen die Tempel-Regeln verstösst, leuchten ihre Augen gefährlich und aus den Mündern dringt Rauch.

Vom Figürchen zum Riesen

Am Anfang hatte Johan Engels einfach drei kleine Figuren auf seinem südafrikanischen Schreibtisch stehen. Sie wurden ihm zur Vorlage für seine Zauberflöte: «Die Zauberflöte ist voller Tiere und Fabelwesen, um die herum die Geschichte spielt.» Gebaut wurden die Höllenhunde schliesslich in Lindau. Als die Füsse, dann die Körper und später die Köpfe per Schiff angeliefert wurden, war er selbst verblüfft von der imposanten Grösse.

Es geht Engels aber nicht darum, mit der Natur in Konkurrenz zu treten: «Ein gutes Bühnenbild für Bregenz ist eines, das die Proportionen der Natur erkennt - und sich einfügt.» Und dann zählt er auf, welche in den vergangenen Jahren «gut» waren und welche meinten, die Natur übertrumpfen zu müssen.

Schwindelfrei und wetterfest

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Aufblasbare Grashalme und fliegende Stuntmen: Impressionen von...

0:57 min, vom 15.7.2013

Miteinander verbunden sind seine drei Drachenhunde durch eine schwankende Brücke. Hier kann also nur Statist werden, wer keine Höhenangst hat. «Auch bei den Sängerinnen und Sängern fragen wir beim Casting nach ihrer Schwindelfreiheit», sagt der Künstlerbetreuer Chris Rogers. Neben einer schönen Stimme und Spielfreude werden also noch ein paar Dinge gefordert, die auf keiner Hochschule zu lernen sind: Schwimmen zum Beispiel und überhaupt eine gewisse Wetterfestigkeit. Denn geprobt wird auch, wenn es mal nieselt. Schlimmer als das bisschen Nass von oben sei sowieso der Wind, sagt Rogers. Und der Blitz: «Wir zählen jeweils zwischen Blitz und Donner und wenn wir bis vier kommen, machen wir weiter.» Zur Grundausrüstung der Sängerinnen und Sänger gehören also vor allem warme Kleidung, feste Schuhe und eine Plastikhaut.

Im Lauf der Jahre hat Rogers drei Kategorien von Sängerinnen und Sängern kennengelernt: «Die, die die Bühne lieben und sich am liebsten gleich in den See schmeissen; dann die, die die Bühne überleben und schliesslich irgendwie damit zurechtkommen. Und dann gibt es noch die, die sich niemals an die Bühne herantrauen würden.»

Technologische Wunderwerke

Trotz 30 Metern Höhe und trotz glühender Augen haben die Ungeheuer, die aus dem See wachsen, auch etwas Verspieltes. Auf der Vorderseite jedenfalls. Auf der Rückseite hingegen sind sie technologische Wunderwerke, ausgestattet mit Scheinwerfertürmen und einer Unzahl von Lautsprechern. Denn in Bregenz wird verstärkt gesungen. Das Orchester sitzt im trockenen Festspielhaus und wird mittels eines ausgetüftelten Systems – dem «Bregenz Open Acoustic System» – auf eine Lautsprecherbahn gelenkt. Damit Timing und Präzision stimmen, sind mindestens 20 Tontechniker am Werk, die Gesang und Orchester zusammenfügen. Gesungen wird live, die Dialoge werden ab Band zugespielt. Eine Entscheidung, die auch künstlerische Gründe hat, sackt doch in Zauberflöte-Produktionen die Spannung während diesen meist schlecht gesprochenen Texten oftmals ab. In Bregenz stehen Sprache und Gesang auf gleicher Ebene. Dafür sorgt ein Meer von schwarz gekleideten Technikern, die wie Ameisen umherwuseln.

Papagenos Kuss

Überhaupt ist die Bregenzer Zauberflöte primär ein Wunderwerk der Technik, ein Spektakel. 1'600 Menschen sorgen für den reibungslosen Ablauf, die Sängerinnen und Sänger machen da nur den kleinsten Teil aus. Die Anweisungen der Regie beziehen sich zwei Wochen vor der Premiere vor allem auf Gänge, Positionen und Richtungen. Emotionen oder gar Mimik? Haben in diesen Distanzen keine Chance. Und so wundert es nicht weiter, dass Papagenos Frage, ob er denn beim Küssen die Augen offen oder geschlossen halten soll, mit einer Lachsalve aus dem Regiezelt quittiert wird.

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