Ein Tessiner Forschergeist erobert die Konzertbühnen der Welt

Francesco Piemontesi hinterfragt, analysiert und erforscht die Musik. Damit hat sich der Pianist eine beachtliche Karriere aufgebaut. Er wird zu den grossen Musikfestivals eingeladen und leitet die «Settimane Musicali» in Ascona. Dazwischen befasst er sich auch mal mit Quantenphysik.

Porträt von Francesco Piemontesi

Bildlegende: Sein Erfolg kam nicht über Nacht: Francesco Piemontesi klettert die Karriereleiter langsam, aber stetig hoch. Julien Mignot

Tiefgründig, suchend, neugierig. Diese Eigenschaften fallen auf, wenn man mit Francesco Piemontesi ein Gespräch führt. Der Tessiner Pianist, 31 Jahre alt, hat die klassische Musikwelt erobert. Das alles ging nicht schnell, quasi über Nacht, wie bei einem hochgehypten «Classic-Star». Sondern stetig, Schritt für Schritt.

Den Dingen auf den Grund gehen


Piemontesi spielt Mozart, Sonate F-Dur KV 533, Beginn 1. Satz

2:17 min, aus Weltklasse auf SRF 2 Kultur vom 18.08.2014

Francesco Piemontesi wohnt in Berlin. Er hat seine Heimat Tenero längst gegen die Grossstadt eingetauscht. Allerdings kehrt er seit Kurzem wieder regelmässig ins Tessin zurück: als Leiter des Klassikfestivals «Settimane Musicali di Ascona». Piemontesi hat perfekt Deutsch gelernt, und er geht den Dingen gerne auf den Grund. Ohne besonderes Aufheben darum zu machen.

Dabei dreht sich bei ihm nicht alles nur um klassische Musik. Piemontesi interessiert sich auch für Physik, für Quantenphysik zum Beispiel, weil die unsere ganze Wahrnehmung der grundlegenden Dinge auf den Kopf stellt. Die Dinge, die wir für gewöhnlich als selbstverständlich erachten.

Die Tücken eines Aufnahmegerätes

Seinen neugierigen Forschergeist lebt Piemontesi natürlich auch in der Musik aus. Vor allem in der Musik.

Beim Gespräch packe ich mein Aufnahmegerät aus der Tasche, und schon sind wir beim Thema: Einen Klavierklang aufzunehmen – was Piemontesi manchmal beim Üben macht – kann sehr heikel sein, sagt er. Es sei wichtig, sich sehr gut zuzuhören und sich bewusst zu werden, was im Raum passiert. Der Pianist sitzt schliesslich ganz nah an seinem Instrument, das Publikum aber unter Umständen weit entfernt von ihm. Da muss er wissen, woran er bei einer Interpretation überhaupt feilen soll, damit es draussen im Raum auch hörbar ist.

Musik, die die Finger fordert

Solche Liebe zum Detail hat Francesco Piemontesi beim Klavier-Altmeister Alfred Brendel in London kennen- und schätzen gelernt. Wobei seinen Weg noch andere grosse Pianisten-Namen zieren.

Schon als junger Mensch hat Piemontesi bei Alexis Weissenberg Unterricht gehabt – der wohnte gerade in seiner Nachbarschaft im Tessin. Damals und später auch beim Studium bei Cécile Ousset spielte er gerne Musik, die die Finger fordert. Grosse Virtuosenbrocken von Rachmaninow oder Prokofiew.

Was kann ich von einem Stück lernen?


Piemontesi über Heinrich Schenkers Analysen

1:34 min, aus Weltklasse auf SRF 2 Kultur vom 18.08.2014

Heute hat er anderes für sich entdeckt. Mozart zum Beispiel, von dem er auf seiner neusten CD Musik für Klavier solo eingespielt hat. Klaviersonaten, die so einfach klingen und doch so schwierig zu spielen sind.

Die Musik von Mozart oder auch von Franz Schubert kitzelt Piemontesis fragenden Geist besonders. Weil er deren Werke hundert Mal spielen, analysieren und hören kann, ohne dass es ihm dabei langweilig wird. Da nimmt er auch die Ideen des Musikwissenschaftlers Heinrich Schenker zu Hilfe, der Musik auf ihre Substanz hin abklopfte.

Was ist der Inhalt eines Stücks, was kann er davon lernen: Das sind Fragen, die den inneren Motor von Francesco Piemontesi antreiben. Und der hat den Pianisten mittlerweile auf die grossen klassischen Konzertbühnen der ganzen Welt gebracht.

Sendehinweis

Francesco Piemontesi spielte am 11. August 2014 an den BBC Proms mit dem BBC National Orchestra of Wales unter der Leitung von Thomas Sondergard.

Radio SRF 2 Kultur sendet eine Aufnahme des Konzerts aus der Londoner Royal Albert Hall:

Weltklasse: BBC Proms – ein Tessiner in London
18. August 2014, 20 Uhr

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