Flamenco und Alte Musik: Verbinden, was zusammengehört

Die St. Galler Festspiele überraschten diesen Juni mit einer ungewöhnlichen musikalischen Formel: Geistliche Musik zwischen Renaissance und Flamenco, gespielt von Fahmi Alqhais Ensemble und dem Trio von Arcángel. Das Resultat: Ein Klang, der Verwandtschaften betont und Kontraste zelebriert.

Porträtsfoto von José Arcángel Ramos.

Bildlegende: Flamencosänger Arcángel zeigt zusammen mit Fahmi Alqhai, wie gut sich Flamenco und Barock verstehen. St. Galler Festspiele

Was bitte hat Flamenco mit Alter Musik zu tun? Diese Frage stellte sich, als Flamencosänger Arcángel und die Fahmi Alqhais «Accademia del Piacere» an den St. Galler Festspielen Flamenco- und barocke Klänge miteinander verschmolzen.

Die Antwort führt zu den Wurzeln des Flamenco-Genres, auch wenn diese ziemlich im Dunkeln liegen. Denn der Flamenco wurde nur mündlich beziehungsweise musizierend weitergegeben. Klar ist: Der Flamenco entstand in Andalusien. Und Andalusien war über die Jahrhunderte hinweg ein Schmelztiegel verschiedener Einflüsse.

Ein bunter Mix aus zahlreichen Musikrichtungen

Ein 12-köpfiges Ensemble in Konzertbekleidung. Die drei Frauen sitzen im Vordergrund, dahinter stehen die Männer.

Bildlegende: Das Barock-Ensemble des Gambisten Fahmi Alqhai (dritter von rechts) «Accademia del Piacere». St. Galler Festspiele

Diese Einflüsse waren so bunt wie die kulturellen und religiösen Wurzeln der andalusischen Bevölkerung: Spanische Katholiken, maurische Araber, sephardische Juden und nicht zuletzt die Kalés, die andalusischen Gitanos. Sie prägten den Flamenco wohl am stärksten.

Alle brachten sie ihre eigene Musik mit. Dazu kam noch etwas Neues von weit her: die Klänge aus den Überseekolonien. Die Musik der Indios hatte sich dort bereits mit jener der spanischen Eroberer vermischt – eine Art südamerikanischer Barock mit viel Perkussion.

All dies spiegelt sich heute im Flamenco. Seine Geburt war ein langsamer, aber stetiger Prozess – ähnlich wie bei der Entstehung des Jazz in den USA.

Flamenco-Motive schon im Barock

Dass es den Flamenco schon sehr lange gibt, beweisen auch die spanischen Komponisten des Barock. So findet man in der gehobenen Musik des 18. Jahrhunderts diverse Flamenco-Elemente: In den Klaviersonaten von Antonio Soler oder Domenico Scarlatti wurden etwa die typischen Repetitionsfiguren der Gitarre auf die Cembalo-Tasten übertragen. Oder die Kastagnetten-Tänze des Fandangos stilisiert.

Umgekehrt flossen barocke Bassmodelle wie die Passacaglia oder Folia in den Flamenco ein. Der Flamenco ist also ursprünglich selber Alte Musik – man muss den Begriff «Alte Musik» nur auf alle europäischen Musikformen jener Zeit ausweiten, also auch die volkstümlichen.

Zwei Musiker, eine Haltung

Und genau hier setzt das musikalische Projekt von Fahmi Alqhai und Arcángel an: Sie verbinden, was zusammengehört, zelebrieren Kontraste als Farbspiel, erweitern Instrumentarium, experimentieren lustvoll. Das machen sie zusammen mit dem Barockensemble rund um den innovativen Gambisten und Ensembleleiter Fahmi Alqhai aus Sevilla und mit dem Trio des Flamenco-Sängers Francisco José Arcángel Ramos aus Huelva, kurz Arcángel.

Arcángel ist einer der begabtesten jungen Vertreter seines Faches und hat sich bereits international etablieren können. Aber auch er sieht sein Genre Flamenco wie Fahmi Alqhai seine spanische Barock- und Renaissancemusik nicht als abgeschlossenes Spezialisten-Metier. Sondern als offene Geschichte und Ausgangspunkt für musikalische Begegnungen. Die Leidenschaft des Flamenco und die Farbigkeit der Alten Musik: Zwei alte Bekannte treffen sich endlich wieder.

Sendehinweis

Die Accademia del Placere und Arcángel spielten am 29. Juni 2014 im Rahmen der St. Galler Festspiele in der Kirche St. Laurenzen.

Radio SRF 2 Kultur sendet eine Aufnahme des Konzerts:

Weltklasse: St. Galler Festspiele – Flamenco auf der Gambe
31. August 2014, 19:30 Uhr

Sendung zu diesem Artikel