«Wenn ich den Mund öffne, kommt ein gälischer Song»

Julie Fowlis ist Mitte 30 und singt Lieder, die zum Teil 500 Jahre alt sind. Und das auch noch in schottischem Gälisch. Für Julie Fowlis ist das das Natürlichste der Welt. Über das Aufwachsen auf einer Insel, Lieder über das Meer und Pubs als Umgebung zum Lernen.

Porträt von Julie Fowlis vor einem Baumstamm.

Bildlegende: Julie Fowlis ist ein Superstar in der schottischen Folkszene. Julie Fowlis / Burghof Lörrach

Aufgewachsen ist Julie Fowlis auf einer Insel. Weit draussen vor der Küste Schottlands, auf den Äusseren Hebriden. North Uist heisst die windige Insel, sie ist ganz flach und tief gelegen, zum Teil sogar unter dem Meeresspiegel. Bäume gibt es keine auf North Uist, dafür einsame Sandstrände und viele Vögel, die im Frühling auf dem fruchtbaren Boden in Küstennähe zum Brüten kommen.

Die Insel ist ein Fundament

Eine so abgelegene Insel wie diese, am Rand von Europa, hat eine eigene Kultur, eigene Traditionen, Lieder und Geschichten. Und die Insel-Leute wissen das zu schätzen. «Das gibt dir ein Fundament», sagt Julie Fowlis, die mittlerweile auf dem Festland wohnt: «Und ob du willst oder nicht, die Zeit auf der Insel prägt dich für immer.»

Sie kann aus einem reichen Fundus schöpfen und stundenlang Sagen und Legenden von den Äusseren Hebriden erzählen. Fast immer spielt dabei das Meer eine Rolle. Da geht es um Seefahrer und um die, die zuhause auf sie warten. Es gibt Sagen über verzauberte Seehunde oder Geschichten mit eifersüchtigen Schwestern, von denen die eine schliesslich jämmerlich ertrinkt.

Singen: auf Gälisch, keine Frage

Wenn Julie Fowlis singt, dann singt sie auch diese überlieferten Geschichten. Und sie singt sie in der klangvollen Sprache, die nur noch ein Prozent der Schottinnen und Schotten verstehen: Gälisch. Obwohl sie zweisprachig aufgewachsen ist, mit Gälisch und Englisch, war das für sie nie ein bewusster Entscheid: «Wenn ich den Mund zum Singen öffne, kommt ganz oft wie von selbst ein gälisches Lied», erzählt sie. Es ist für sie das Natürlichste. Auch zuhause, wo sie mit ihren zwei kleinen Kindern ebenfalls Gälisch spricht.

Aber wie geht das, wenn im Publikum kaum jemand versteht, was sie singt? Julie Fowlis nimmt es gelassen. Sie kennt es kaum anders, und sie weiss, wieviel Infos sie geben muss, damit sich niemand verloren vorkommt. In ihren Booklets und an ihren Konzerten erfährt man immer etwas zu den Liedern. Mal schildert sie ausführlich die Story, mal weist sie mit einem Augenzwinkern darauf hin, wie selten ein Happy End in gälischen Liedern ist. Oder sie erzählt, von wem sie den Song gelernt hat.

Lieder austauschen

Und das ist ein zentraler Punkt bei Julie Fowlis: Sie reiht sich ein in die Tradition der Sängerinnen und Sänger, die Stücke weitergeben. Das passiert nach wie vor meistens mündlich, von Person zu Person. Als sie jünger war, ging sie dafür ins Pub und schnappte Neues bei Sessions oder Ceilidhs auf. Dieses gemeinsame ungezwungene Musikmachen in einer lockeren Atmosphäre sei ganz wichtig gewesen, findet sie: «Pubs sind eine fantastische Umgebung zum Lernen.»

Heute geht Julie Fowlis gerne auch zu älteren Leuten, zu ihrer früheren Lehrerin, zu den alten Nachbarn auf den Äusseren Hebriden, oder sie tauscht Songs mit Leuten aus anderen Regionen aus. Und dann gibt es seit Kurzem ein umfangreiches Online-Archiv, in dem sie gerne stöbert. «Tobar an Dualchais», eine Sammlung von rund 40‘000 Aufnahmen, mit Geschichten und Liedern aus ganz Schottland, zusammengetragen seit den 1930er-Jahren. Das ist eine Schatztruhe für Julie Fowlis. Sie wird mit Sicherheit noch viele Fundstücke daraus ans Tageslicht holen, neu arrangieren und dann wieder weitergeben.

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