Wie bereiten Sie sich auf Mozart vor? Die Tricks der Profis

Die Latte hängt hoch: In der Radio-Sendung «Diskothek» ist Fachwissen gefragt. Doch wie bereitet man sich auf so eine Sendung vor? In alten Aufnahmen stöbern? Das Netz durchforsten? Dirigentin Graziella Contratto und Pianist Tomas Dratva verraten ihre Tricks und erklären, was bei Mozart wichtig ist.

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Diskothek vom 14.9.2015

110 min, vom 14.9.2015

Frau Contratto, haben Sie eine besondere Taktik sich auf die «Diskothek» vorzubereiten?

Graziella Contratto: Ich habe mal schnöde auf YouTube ein wenig herumgeklickt, aber ich mach das sonst eigentlich nie. Ich höre mir nie sehr viele Aufnahmen an. Ich mag das spontane Element der «Diskothek» sehr. Es hat etwas sehr Befreiendes, dass man sich einfach spontan auf diese Musik einlassen kann. Der Beweis: Heute haben wir nur wenige Takte der einen Aufnahme gehört und ohne es zu wissen, das Ergebnis am Ende der Sendung bereits vorweggenommen. Wir waren uns sofort einig, wer der Favorit sein könnte. Es hätte mir nichts gebracht, wenn ich von Anfang an gewusst hätte, wer da spielt.

Tomas Dratva, wie bereiten Sie sich vor?

Tomas Dratva: Meine Vorbereitung ist eigentlich einfach: Ich spiele die Stücke. Also, ich nehme die Partitur und setzte mich an den Flügel. Ich versuche mich in die Partitur zu vertiefen und so eine eigene Meinung zum Stück zu bilden. Ausserdem lese ich die eine oder andere Hintergrundinformation nach.

Was ich explizit nicht mache: Ich höre keine Aufnahme des Stücks vor der Sendung an. Dafür jedoch andere Klavierkonzerte von Mozart, die in einem Zusammenhang stehen mit dem Stück, über das wir diskutieren. Ich überlege mir, was Unterscheidungselemente verschiedener Aufnahmen sein könnten, damit ich bereit bin. Es würde mich einengen, wenn ich immer sofort wissen würde, «ach, das ist jetzt die Aufnahme von …» Ich finde es einfacher, unvoreingenommen zu hören.

Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie Mozart selber spielen?

Tomas Dratva: Eine Mischung zwischen Ernst und Leichtigkeit zu finden. Das ist gleichzeitig das Schwierige. Sehr viel Frische ist aber bei Mozart immer dabei. Ich finde, er zeigt eine unheimliche Lebensvitalität in seiner Musik, gleichzeitig gibt es immer wieder diese Momente, in denen es sehr ernst wird. Das kann in Sekunden wechseln. Daran arbeite ich, wenn ich Mozart spiele.

Worauf achten Sie beim Dirigieren?

Graziella Contratto: Auf die Natürlichkeit – so als Oberbegriff. Innerhalb dieser Natürlichkeit muss aber die Meisterschaft der Komposition respektiert werden. Ich mag es nicht, wenn man Mozart zu mechanisch, also klassisch im Sinn von metronomisch spielt. Aber ich mag es auch nicht, wenn seine Stücke zu frei, zu agogisch oder mit zu vielen romantischen Projektionen angefüllt werden. Für mich ist die Herausforderung bei Mozart, dass Präzision, Natürlichkeit und – das ist der zweite wichtige Oberbegriff für mich – die Kommunikation, der Dialog in einem guten Gleichgewicht stehen.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Mozart?

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Graziella Contrattos Mozart-Ohrwurm

0:50 min, vom 14.9.2015

Graziella Contratto: Sehr genau. Ich hatte nämlich damals mit elf Jahren einen Velounfall, und als ich nach dem Spitalaufenthalt nach Hause kam, hat mir der damalige Arbeitgeber meiner Mutter eine Platte geschenkt: das Mozartschatzkästlein. Da war die G-Moll-Symphonie drauf, aber auch der langsame Satz aus dem Klavierkonzert in D-Moll und die «Motette Ave verum corpus» – also lauter Highlights. Das war meine erste Begegnung.

Beim Hören habe ich mir immer das Plattencover angeschaut, es war ein Textilbild mit einer Art Papageno drauf. Für mich ist es eine ganz starke, fast synästhetische Erinnerung: das Bild, der Textilteil und die unglaublich schöne Musik. Die Moll-Einbrüche in der Musik von Mozart haben mich viel mehr interessiert als die Stücke in Dur. Vielleicht ist man auch sensibler, wenn man einen Unfall gehabt hat als Kind.

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Tomas Dratva trällert sein Lieblingslied von Mozart

0:39 min, vom 14.9.2015

Tomas Dratva: Es ist schwierig, ich habe eine sehr lange Geschichte mit Mozart und so viel von ihm gespielt. Der erste intensive Kontakt war wohl eine Langspielplatte im Schrank meiner Eltern: eine Platte mit zwei Klavierkonzerten.

Die habe ich unzählige Male gehört. Das eine Stück war das F-Dur-Konzert 459 und das andere das C-Moll 491. Später habe ich beide Stücke selbst gespielt.

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