Wie tickt der typische Schweizer Rapper?

Um glaubwürdig zu sein – im Rap das höchste Gut – texten viele Schweizer Rapper wieder auf Mundart. Ihr Slang wandelt sich ständig und beeinflusst auch die Alltagssprache. Nach wie vor gehört Fluchen zum guten Ton, sagt der Rapper und SRF-Virus-Moderator Pablo Vögtli.

Zwei eher finster schauende junge Männer, beide mit Sonnenbrille, einer mit hochgezogener Kapuze.

Bildlegende: Weitherum bekannt und erfolgreich: Lo & Leduc auf dem Cover von «Update 1.0». Lo & Leduc

In der Schweiz gibt es überraschend viele Mundartrapper. Warum wird nicht auf Englisch gerappt?

Pablo Vögtli: Als Rap zum ersten Mal über den grossen Teich geschwappt ist, Ende der 1980er-Jahre, Anfang 90er-Jahre, haben vor allem in Deutschland viele MCs englisch gerappt. Man wollte damit so lässig sein wie die amerikanischen Originale. Dann kam aber schnell einmal die Einsicht, dass es viel kredibler ist, in seiner «Schnabelsprache» zu rappen. Und Kredibilität – Glaubwürdigkeit – ist der wichtigste Punkt bei einem Rapper.

Beim Stichwort «Mundartrap» denken viele zuerst an die kommerziell erfolgreichen Rapper wie «Bligg», «Steff la Cheffe» oder «Lo & Leduc». Haben diese «Pop-Rapper» in Ihren Augen ihre Kredibilität verloren?

Wenn Kredibilität heisst, dass man das macht, was man sagt, dann ist «Bligg» sehr kredibel. Er tut ja nicht so, als wäre er noch Underground. Ich bin «Bligg» übrigens dankbar, denn seit seinem Song «Rosalie» weiss mein Grosmami, was ich mache. Sie kam mal zu mir und sagte: «Du Pablo, machst du das, was Bligg macht?» Ich habe einmal geschluckt und gesagt: «Ja.» Es ist schliesslich auch Sprechgesang!

Wenn man die jungen Rapper wie LCone oder Ali oder Mimiks oder das Kollektiv KWAT aus Basel hört, dann hat man das Gefühl: Die Rappen zwar Mundart, aber Sprachpflege ist ihnen kein Anliegen...

Das würde ich klar dementieren! Mit Sprachpflege hat das sehr viel zu tun. Aber es steckt keine Mentalität des «Wir sind stolz auf die Schweiz und finden das den geilsten Ort der Welt» dahinter. Junge Menschen, die kritisch denken – und die meisten Rapper sind so – die kritisieren zuerst mal, und zwar das, was sie vor der Nase haben; und das ist unser Zuhause.

Zum anderen wird aber ganz aktiv Sprachpflege betrieben. Aber sie machen das nicht aus einem Gewissen heraus für die Schweizer Sprache und Kultur, sondern aufgrund ihrer eigenen Herkunft und für ihre eigene Kredibilität.

Worin besteht denn die Pflege der Sprache bei Rappern?

Dass man zum Beispiel neue Wörter entwickelt. Rap ist ja ein Slang, der nicht nur aus englischen und deutschen und immer mehr arabischen Wörtern besteht, sondern auch aus Schweizer Wörtern, die abgewandelt werden. Zum Beispiel «ein Lauch». Ein Lauch ist ein bleicher, schlanker Mensch, tendenziell eher hypochondrisch unterwegs, wirft viele Medis ein, nimmt gelegentlich vielleicht mal Drogen, bedauert sich häufig. Aber: Daraus wurde wieder eine Stärke gebaut. Die Jungs haben sich aktiv selber als «Lauchs» bezeichnet, es gab ein regelrechtes «Lauch-Movement».

Ist die Rappersprache eine Kunstsprache oder die Alltagssprache der Jugendlichen?

Das ist wie beim Huhn und dem Ei: Zuerst schreibt man seinen allerersten Rap-Text mit den Wörtern, die man im Alltag braucht. Dann merkt man beim Rappen, dass ein Wort cooler tönt, wenn man es anders betont. Dann braucht man es plötzlich auch im Alltag häufiger auf die neu betonte Art. Das sind zwei Sprachen, die sich gegenseitig füttern.

Hört man sich die Rapper an, die an Ihrem Live-Event «Cypher» auf SRF Virus zu Gast waren, dann fällt auf: Es geht nicht ohne die krasseste Sexual- und Fäkalsprache. Warum muss so wüst gerappt werden?

Ein Wort wie «fuck» oder «ficken» hat eine Wirkung, es hat Energie. Die Energie eines Wortes unterscheidet sich je nach Kontext. Wenn ich in ein Altersheim gehe und vor den Grosis dort das Wort «geil» in den Mund nehme, ist man empört. Aber wenn ich einen Rap-Workshop mit Sechzehnjährigen gebe, dann machen Wörter wie «Hueresohn» und «ficke» niemandem weh. Ausserdem gehört es schon zum guten Ton, viel zu fluchen. Es ist lässig, im Rap der böse Bube zu sein.

Ist diese Art von «bösem» Rap also nur für Menschen unter 30 Jahren?

Rap ist nur die Form. Rap ist wie das Grundrezept für einen Kuchen. Wenn man jung ist, hat man Bock, in diesen Kuchen die Droge Mescalin zu mischen. Und wenn man über 40 ist, hat man vielleicht Bock auf Himbeeren, weil man gemerkt hat: «Mescalin tuet mer äifach nümm so guet». Aber Rap ist alterslos.

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