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Musik Wiener Philharmoniker: Ein Nazi gab bis 1968 den Ton an

Das weltberühmte Orchester muss sich seiner Nazi-Vergangenheit stellen. Historiker haben herausgefunden: Das frühere SS-Mitglied Ernst Wobisch war jahrelang Geschäftsführer der Philharmoniker und die Zahl der NSDAP-Mitglieder ungewöhnlich hoch. Eine Entnazifizierung habe es nie gegeben.

Orchester
Legende: Paul Fischer (ganz rechts) wurde Zwangesbeurlaubt; Konzertmeister Julius Stwertka wurde nach Theresienstadt deportiert. Wiener Philharmoniker

Die Wiener Philharmoniker haben nach den Erkenntnissen von Historikern jahrelang einen früheren Nazi und Kollaborateur als Geschäftsführer beschäftigt. Das geht aus der Arbeit einer Historikerkommission über die Jahre 1938 bis 1945 in dem weltberühmten Orchester hervor.

Gauleiter Schirach soll Ehrenring bekommen haben

Die Untersuchung wurde am Sonntagabend in der österreichischen Hauptstadt vorgestellt. Demnach arbeitete das NSDAP-Mitglied Ernst Wobisch als Spitzel für die Gestapo und wurde später Mitglied der SS. 1945 wurde er aus dem Orchester ausgeschlossen, nach dem Krieg wieder eingestellt und zum Geschäftsführer gewählt. Auf diesem Posten war Wobisch von 1954 bis 1968. Er überreichte auch um 1966 dem ehemaligen NS-Statthalter in Wien, Baldur von Schirach, nach dessen Entlassung aus dem Gefängnis eine Nachfertigung des Ehrenrings der Wiener Philharmoniker, wie die Historiker herausfanden.

Ungewöhnlich viele Parteimitglieder

Wie die Kommission aus Oliver Rathkolb, Bernadette Mayrhofer und Fritz Trümpi weiter erklärte, gab es unter den Philharmonikern eine ungewöhnlich hohe Anzahl von NSDAP-Mitgliedern: 1942 waren demnach waren 60 von insgesamt 123 Musikern Parteimitglied. Dagegen lag der Durchschnitt in der Bevölkerung bei zehn Prozent.

Laut Mayrhofer wurden 13 jüdische Musiker 1938 vertrieben, drei weitere bereits pensionierte Philharmoniker wurden Opfer des Holocaust. Demnach wurden fünf Orchestermusiker bei «rassistischen Säuberungen ermordet». Zwei weitere kamen in Wien bei ihrer versuchten Deportation oder Verfolgung ums Leben, insgesamt neun Musiker wurden ins Exil vertrieben. Von ihnen kehrte keiner zurück.

Eine Entnazifizierung des Orchesters habe nie stattgefunden, betonten die Geschichtswissenschaftler. Nur vier Musikern sei nach Kriegsende wegen ihrer Nazi-Vergangenheit gekündigt worden, sechs seien pensioniert worden.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Juha Stump, Zürich
    Es nützt nichts, erst jetzt, fast siebzig Jahre nach Kriegsende, mit solchen Tatsachen herauszurücken. Es ist nichts Neues, dass die angepassten "Arier" beste Überlebenschancen hatten - in einem "Staatsorchester" sowieso, damit konnte auch eine Einberufung in die Wehrmacht umgangen werden -, während fast alle Juden und arischen Nichtangepassten umgebracht wurden. Wer war schon kein Mitläufer? Das galt nicht nur für den Bereich Musik, sondern auch für den Film, die Politik und Justiz.
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  • Kommentar von Lucas Kunz, Sallneck
    Worin unterscheidet sich dieser Artikel von einem aus 20 Min oder dem Blick? Ausser dass für das SF monatlich ein fetter Batzen berappt werden muss, und das 20 Min "Toilettenpapier" gratis ist, nichts! Der Leser wird mit einem "Empörungs" - Journalismus billigster Art bombardiert - aber dass man irgend einen Hintergrund erfährt... ? Was soll das?
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    1. Antwort von Hansjörg Keller, Bremgarten
      Wie peinlich und selbstoffenbarend, was Sie da von sich geben, Herr Kunz. Dieser Verweis auf unterbliebene Geschichtsaufarbeitung ist alles andere als ein Einzelfall in Europa. Die Schweiz hat sich diesen Fragen erst in jüngster Zeit gestellt, verschiedene Staaten Europas und manche Institutionen des kulturellen Lebens bis heute erst zögerlich oder gar nicht. Ungarn sollte uns diesbezüglich aufhorchen lassen.
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    2. Antwort von Lucas Kunz, Sallneck
      Herr Hansjörg Keller, Sie haben meinen Beitrag gründlich missverstanden! Das SF hat genug Platz für ausführlichere Zeilen und Geld genug, um einen anständigen Bericht zu bringen. Man erfährt etwa, dass so und so viele Parteimitglied waren... warum? Das erfährt man nicht. Waren's aus Überzeugung dabei, gab's anderweitig irgend welche Gründe? Ja das hätte ich von einem guten Artikel gewünscht. Gibt's in der Deutsch -CH nur die NZZ als einzig lesbares Medium?
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