Wo sanfte Tempelglöckchen auf harte Drums treffen

In den Strassen Kolkatas hat sich «Fusion» durchgesetzt: Eine unerschöpfliche Vielfalt verschiedener Musikstile, entstanden durch die Verbindung indischer klassischer Musik, Volksmusik, Rock, Jazz und Funk. Dass «Fusion» nicht gleich Konfusion ist, zeigt ein musikalischer Rundgang durch die Stadt.

Zwei Inder sitzen auf einem Teppich und musizieren.

Bildlegende: Musik überall: In Kolkatas Musikszene hat vieles Platz. imago

Den musikalischen Rundgang durch die Stadt Kolkata (früher: Kalkutta) beginnt man am besten mitten im Zentrum, in der Park Street. Hier im Zentrum der einstigen Hauptstadt Britisch-Indiens entstand die psychedelische Musik des 1999 verstorbenen Ananada Shankar.

Shankars Musik erinnert an die Ursprünge indischer Fusion zwischen Klassik und Rock. In den 1970er-Jahren bot der Gitarrenvirtuose Jimi Hendrix Ananda Shankar an, mit ihm gemeinsam eine Platte zu produzieren. Doch dieser lehnte ab. «Er wollte seine erste Platte nur mit eigener Musik herausbringen. Ansonsten wäre er für immer mit Jimi Hendrix in Verbindung gebracht worden», erzählt die Witwe Tanushree Shankar.

Volksmusik mit Elekrobeats

Weiter führt der Weg zum heiligsten Fluss Indiens, dem Ganges. Gleich um die Ecke wohnt der Multi-Instrumentalist Gautam Chattopadhyay. In einem Stück besingt er die Verführungskünste der bengalischen Frauen. Er vergleicht sie mit der Kraft der Wellen, die entstehen, wenn die drei grossen indischen Flüsse Sarasvati, Jamuna und Ganges zusammenfliessen.

Wieder unterwegs, treffen wir auf die mystischen Baul Bänkelsänger. Diese wandernden Barden sind ein musikalisches Wahrzeichen des indischen Bundesstaates West Bengalen. Eine davon ist die junge Sängerin Parvathy Baul. Obwohl sie selbst in eine Brahmanenfamilie (Angehörige der obersten Kaste) hineingeboren wurde, hat sie sich dem alternativen und vorurteilsfreieren Leben der Baul angeschlossen. Sie singt erotisch gewürzte Lieder über das Liebesleben des göttlichen Paares Radha und Krishna.

Fusion oder Konfusion?

In den 1990er-Jahren begannen viele Musikgruppen in Kolkata, indische Volksmusik mit elektronischen Instrumenten und neuen aktuellen Texten zu spielen. Oft werden alte Melodiefolgen aus der bengalischen Volksmusik verwendet. Die Folk-Rockgruppe Bhoomi, zum Beispiel, verbindet elektronische Klänge mit der ländlichen Musik. Hier prallen Gitarren auf die einsaitige Ektara und Schlagzeug auf kleine Tempelglöckchen.

Debasish Bhattacharya hingegen hat der Millionenstadt Kolkata das Stück «A Mystical Morning» gewidmet, in einer Kollaboration mit der englischen Jazz-Rocklegende John McLaughlin. Neben Fabriksirenen und Tempelglöckchen kann man dem ausgeklügelten Dialog zwischen McLaughlins Jazzgitarre und Bhattacharyas Slide-Gitarre zuhören. Für die Aufnahmen spielten die beiden miteinander über eine Satellitenverbindung, McLaughlin in der USA und Bhattarcharya in Indien.

Eine neue Musik-Ära

Puristen indischer klassischer Musik sind der Meinung, dass «fusion» gleichkommt mit «confusion», also Verwirrung. Trotzdem hat sich die «fusion» in der Stadt durchgesetzt. Ihre Musiker stehen für eine neue Ära: Obwohl die moderne indische Musik fast ausschliesslich von der Musik der Bollywood Filmindustrie geprägt ist, haben sie eine neue, Kolkata-spezifische, moderne Musik geschaffen.

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