Kassetten-Nostalgie Wohliges Retro-Rauschen: Warum Kassetten toll sind

Radiohead veröffentlicht ein Mixtape. Eine Kassette – heute zum Kauf? Das löst nostalgische Gefühl aus.

Klobig und hässlich war er, dieser «My first Sony». Trotzdem war mein erster Kassettenrekorder mein bester Freund im Kinderzimmer: Er hörte mir immer zu – auch wenn meine Geschichten und Gesangskünste schlecht waren. Und: Er spielte widerstandlos Musik, die in meinen heutigen Ohren unerhört ist.

Das war in den 1990er-Jahren. 2017 sind meine Kassetten längst weggeräumt. Doch nun scheint die Kassette ein kleines Revival zu erleben: 20 Jahre nach der Veröffentlichung von «OK Computer» bringt Radiohead das Album neu raus - und legt ein Mixtape bei. Und Superstars wie Kanye West, Justin Bieber und auch Altmeister Neil Young haben kürzlich ihre Alben auf Kassette rausgebracht. Ein Kassetten-Boom: Das wird's wohl nicht werden – aber eine nette Nische.

Bei mir löst die Kassette aber vor allem nostalgische Gefühl aus. Hier deshalb fünf Gründe, warum die klobige Kassette doch irgendwie gut war:

Der Walkman

Video «Walkman-Welle in der Schweiz (80er-Jahre)» abspielen

Walkman-Welle in der Schweiz (80er-Jahre)

7:26 min, aus Archivperlen vom 12.1.2017

Musik zum Mitnehmen – obwohl fast bei jedem Schritt der Song stockte. Der Walkman war ein sensibler, aber toller Begleiter. Praktisch und schlank war er zwar nicht. Aber er lieferte untentwegt den Soundtrack zu turbulenten Teenie-Jahren.

Die Mischung macht's

John Cusack sitzt auf einem Sessel. Er trägt Kopfhörer.

Bildlegende: Eine ernste Angelegenheit: Mixtapes zu mischen, will gelernt sein (John Cusack als Rob Gordon in «High Fidelity») Walt Disney Studios

Im Film «High Fidelity» wurde es schon auf dem Punkt gebracht: «Ein gutes Mixtape zu machen ist eine schwierige Kunst. Es gibt viele Dos und Don'ts». Ein perfekt gemischtes Mixtape kann mächtig Eindruck machen. Im Charmevergleich kommen da Spotify-Playlists flach raus. Ein Hoch also auf Mixtapes, auf musikalisches Herzblut auf Band – mühselig und oft stundenlang auf Kassette überspielt.

Stress am Sonntag

Ein Stapel Kassetten.

Bildlegende: Startbereit? Ein Stapel Kassetten lag jeden Sonntag bereit. Colourbox

Jeden Sonntag gab bei mir die Hitparade den Ton an. Pünktlich um 1 Uhr sass ich mit meinem Stapel Kassetten vor dem Radio. Zwei Fragen machten mich ganz hibbelig: Habe ich genug Kassetten? Und: Was ist auf diesen Kassetten schon drauf? Sonntäglich herrschte die Panik vor dem Überspielen. Aufregend war’s – auch weil so mancher Hit für die Ewigkeit dadurch flöten ging.

Nostalgie im Auto

Ein Tachometer.

Bildlegende: Sind wir schon da? Kassette hören verschont die Eltern vor mancher Quengelei. Keystone

Was wäre eine Autofahrt ohne den leiernden Ton der Kassette gewesen? Stundenlang hörte ich früher Kasperli, Wilhelm Busch und Co. im Auto. Für meine Eltern hatte das Hörspiel-Hören vor allem einen Vorteil: Ich gab Ruhe. Das wohlige Gefühl, das die rauschende Kassette verbreitete – rückblickend unheimlich schön. Oder: «C'est le son qui fait la musique.»

Mühselige Musik

Eine Kassetten mit vielen Bänder.

Bildlegende: So schlimm wie es hier aussieht, war es nicht. Angefühlt hat sich das Bänder-Chaos aber etwa so. Colourbox

Einfach Musik hören: Das ging bei der Kassette nicht. Zurückspulen, Band aufwickeln, Band reparieren: Bei der Kassette musste man sich das Musikhören noch verdienen. Nur Play-Button klicken: ging nicht! Früher war also vielleicht nicht alles besser. Aber rückblickend wickelt mich selbst der Bändersalat ein kleines bisschen um den Finger.