Yang Jing befreite ein Instrument von traditionellen Zwängen

Yang Jing hätte als Virtuosin auf der Pipa-Laute in China ein prominentes Leben führen können. Ein Leben allerdings mit vielen musikalischen und gesellschaftlichen Regeln. Sie entschied sich anders – für den Weg nach vorn.

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Yang Jing am Boswiler Sommer

180 min, aus Weltklasse auf SRF 2 Kultur vom 05.08.2015

Was ist eigentlich eine Pipa? Wikipedia nennt sie eine «gezupfte Schalenhalslaute der klassischen chinesischen Musik». Etwas weniger abstrakt gesprochen ist sie eine Verwandte unsere europäischen Laute mit einem relativ kurzen Griffbrett, das fliessend in einen grossen, schalenförmigen Korpus übergeht.

Die klanglichen Möglichkeiten der Pipa sind erstaunlich: die ganze Palette von einem schreiend scharfen Fortissimo bis zum sanft singenden, hauchzarten Pianissimo wird hörbar – vorausgesetzt der Spieler oder die Spielerin hat das entsprechende Können. Und das fällt niemandem in den Schoss …

Hartes Training

Um professionell Pipa zu lernen, geht man oder frau in China zu einem Pipa-Meister. Dort wird jahrelang penibel genau nachgespielt, was der Meister vormacht. Bis an die physische und psychische Schmerzgrenze.

Das Ziel ist nicht kreative Freiheit im Umgang mit Musik, sondern ein möglichst präzises Umsetzen der Traditionsvorstellungen des Meisters. «Doch was ist Tradition?», fragt Yang Jing. Sie ist von einem Meister zum nächsten gegangen, um ihnen vorzuspielen. Und jeweils habe es geheissen: Das ist alles falsch! Und sie musste von vorne beginnen.

Die Befreiung

Yang Jing spielt mit wehenden Haaren auf der Pipa.

Bildlegende: Eine Virtuosin auf der Pipa: Yang Jing. Francesca Pfeffer

Irgendwann sei ihr klar geworden, dass jeder Meister verbissen seine eigene Vorstellung von Tradition verfolge, und dass das definitiv nicht ihr Weg sein könne. So habe sie sich eines Tages «frei gemacht» von diesen traditionellen Zwängen, wie sie lächelnd erzählt.

Das heisst nicht, dass sie der traditionellen Pipa-Musik den Rücken gekehrt hätte. Im Gegenteil: Sie studierte eifrig selber die historischen Quellen in China. Sie weiss nun, dass auch die sogenannte Tradition nur weiterlebt, wenn sie neu geschrieben wird.

Das Erbe mit der Moderne verbinden

Seit über zehn Jahren lebt Yang Jing in der Schweiz. In Aarburg bewohnt sie mit ihrem Schweizer Partner ein architektonisch interessantes Einfamilienhaus mit idyllischem Garten. Den in China so wichtigen Einklang zwischen Natur und Kultur hat sie hier gefunden. Und auch die musikalische Vermählung zwischen Alt und Neu praktiziert sie heute täglich.

Ihre Pipa trägt das chinesische Erbe weiter und verbindet es mit der Moderne, mit der Welt. Egal, ob diese in Form von Jazz, freier Improvisation oder zeitgenössischer Klassik daherkommt.

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