Yasmin Levy singt für den Vater – und gegen die Tradition?

Yasmin Levys Lieder sind von Trauer und Verzweiflung durchdrungen. Die Intensität gibt der israelischen Sängerin das Gefühl von Verbundenheit zu den Seelen ihrer Zuhörer. Doch sie will noch mehr: Die Lieder, die ihr Vater aufgespürt hat, auf ihre Weise weitertragen. Das mögen nicht alle.

Frau steht mit geschlossenen Augen vor einem Mikrofon.

Bildlegende: Yasmin Levy trotz der Kritik und kreuzt weiterhin sephardische Lieder mit anderen Musik-Stilen. Imago/ANE Edition

Seit 15 Jahren versetzen Yasmin Levys Songs den Hörer an einen fernen Ort. Raum und Zeit verschwinden. Ihre Lieder stehen in der sephardischen Tradition und werden in Ladino gesungen. Diese Sprache klingt wie eine Art archaisches Spanisch. Seit der Vertreibung der Juden aus Spanien hat sich diese Sprache mit Türkisch, Arabisch oder Russisch vermischt, je nachdem, wohin die Juden gingen. So ist Ladino, das Judenspanisch, entstanden. Das Liedgut trägt eine lange und nicht selten traurige Geschichte in sich und ist untrennbar mit ihrer Familiengeschichte verknüpft.

Vom Vater zur Tochter

Ihr Vater Yitzhak Levy war der Erste, der die Lieder sephardischer Juden aufgenommen und festgehalten hat. Er wurde damit zu einer Schlüsselfigur in der Forschung und Erhaltung der jüdisch-spanischen Kultur, die in Spanien bis ins 15. Jahrhundert zurückreicht. Yitzhak Levy hat vier Bücher mit liturgischen Gesängen und zahlreiche Aufnahmen von romantischen Balladen und Wiegenliedern hinterlassen. Er hat diese Songs der jüdisch-spanischen Kultur nicht nur erforscht, sondern auch selbst gesungen.

Und Yasmin Levy ist die Erste, die als Botschafterin des Ladino diese alten Lieder einem weltweiten Publikum zugänglich macht – und das mit grossem Erfolg. Sie bringt die alten Ladino-Songs auf die grössten Bühnen der Welt: in die Carnegie Hall in New York und ins Opera House in Sydney. Die Ladino-Kultur war früher nur in einem sehr kleinen und traditionellen Kreis verbreitet.

Umstrittener Crossover

Mit jedem Album öffnet sich die experimentierfreudige Künstlerin musikalisch zunehmend und belebt die sephardischen Lieder mit Flamenco. Mit jedem Album wird sie selbstbewusster und wagt immer mehr. Doch Kritik wird laut. Die einen sagen, sie sei keine Flamenco-Sängerin, die anderen werfen ihr vor, die sephardische Tradition nicht zu respektieren.

Yasmin Levy fühlt sich zwischen Moderne und Tradition hin- und hergerissen. «Ich bin nur eine Musikerin», sagt sie, «die auf der Suche nach neuen Anregungen ist und sich weiterentwickeln möchte. Das ist doch gerade das Schöne, dass man so offen sein und viele Experimente machen kann.»

Vermächtnis des Vaters weitertragen

Yasmin Levy ist 1975 in einer jüdisch-spanischen Familie mit türkischen Wurzeln in Jerusalem geboren. «Es übt eine ganz besondere Kraft auf dich aus», erklärt sie, «wenn du in Jerusalem geboren und aufgewachsen bist und dort lebst – mehr als an jedem anderen Ort in Israel.» Israel ist ein Schmelztiegel mit Menschen aus aller Welt. Yasmin Levy kommt mit jeder Art von Musik in Berührung: Jazz, Flamenco, französisches Chanson, Oper, persische oder türkische Musik. Sie wächst in einem sehr musikalischen Elternhaus auf – Vater und Mutter sind Sänger.

Doch für die israelische Künstlerin ist es nicht leicht, Sängerin zu werden. Sie verehrt ihren Vater derartig, dass sie erst Anfang 20 ihre Gesangskarriere beginnt. Er habe die Lieder gesammelt und bewahrt, und sie selbst verbreite und hauche ihnen «nur» Leben ein. Sie spüre gegenüber ihrem Vater eine Verpflichtung, er sei ein übermächtiges Vorbild für sie.

Yasmin Levy hat eine schwere Zeit voll von destruktiven Kritiken und Selbstzweifeln durchlebt. Beinahe hätte sie ihre Gesangskarriere beendet. Heute aber weiss sie, dass sie als Sängerin geboren ist. Auf ihrem neuen Album Tango hat sie sich von der Ladino-Kultur losgelöst und musikalisches Neuland betreten.

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