Yusef Lateef: Einer der offensten Geister des Jazz ist gestorben

Der amerikanische Tenorsaxophonist und Multi-Instrumentalist Yusef Lateef verband Jazztradition mit Klassik und Weltmusik. Und das, lange bevor irgendjemand mit solchen Etiketten zugange war. Am Montag starb er im Alter von 93 Jahren in seinem Zuhause in Shutesbury, Massachusetts.

Nahaufnahme des Musikers Yusef Lateef.

Bildlegende: Yusef Lateef, ein Suchender auf dem Weg vom Musiker zum Musikphilosophen. Getty Images

Den Ausdruck «Jazz» lehnte Yusef Lateef, 1920 geboren als William Emanuel Huddleston, konsequent ab. Er verwendete für seine Musik den Begriff «autophysio-psychic music». Das ist zwar nicht gerade griffig, zeigt aber, wie intensiv sich Lateef mit den Wurzeln und den Bedingungen seines Musizierens auseinandersetzte.

Yusef Lateef wuchs als Sohn eines Arbeiters in der damals boomenden Autoindustrie in Detroit auf. Zur Musik kam er erst in seinen späten Teenagerjahren. Er hatte zunächst die Trompete im Sinn, entschied sich dann aber auf den Rat seines Vaters hin für das Altsaxophon. Und nachdem er Lester Young gehört hatte, wusste er, dass das Tenorsaxophon sein Hauptinstrument werden würde.

Eigenständiger Tenorsound

Wie virtuos er mit dieser Jazztradition umzugehen verstand, das zeigte Lateef, als er 1957 in sechs Sessions sechs Platten aufnahm. Dabei spielte er unter anderem eine grossartige Version des Standards «Lover Man» ein, die im Blindtest auch Jazzkenner kaum richtig zuordnen könnten. Das wurde in den frühen 60-Jahren in der Jazz Community aufmerksam zur Kenntnis genommen. Und Lateef konnte für das renommierte Label Impulse aufnehmen, bei dem auch John Coltrane tätig war. Im Cannonball Adderley Sextett war er dann weltweit auf Tour, und wurde einem breiteren Publikum bekannt.

Weltmusiker avant la lettre

Das alles reichte Yusef Lateef allerdings nicht. Er war schon damals ein Suchender, der sich konsequent weiterbildete. Er studierte klassische Flöte, Komposition und Musikpädagogik, und liess sich vom Oboisten des Detroit Symphony Orchestra unterrichten.

Seit seiner Konvertierung zum Islam war Yusef Lateef auch von der Musik des Fernen Ostens fasziniert, und setzte diese Faszination sehr früh in seinen eigenen Aufnahmen um. Auf dem 1961er Album «Eastern Sounds» kommt unter anderem auch eine chinesische Tonflöte zum Einsatz. Von Weltmusik, wie wir sie heute verstehen, war damals noch keine Rede. Yusef Lateef hat damals wirklich aus freien Stücken seine ureigene musikalische Vision umgesetzt.

Vom Musiker zum Musikphilosophen

Von der Jazzszene im engeren Sinne zog sich Yusef Lateef mehr und mehr zurück. Er forschte, unterrichtete und betätigte sich auch in anderen Sparten, etwa, indem er Kurzgeschichten verfasste. Wie dieser einzigartige Musikphilosoph in seinen späteren Jahren lebte und wirkte, zeigt sehr schön der stimmungsvolle Dokumentarfilm «Brother Yusef» von Nicolas Humbert und Werner Penzel von 2005. Im selben Jahr realisierte er auch mit den französischen Brüdern Stéphane und Lionel Belmondo das Album «Influence». Darauf zeigt sich der damals 85-jährige Lateef in bemerkenswerter Form auf dem Tenorsaxophon, der Oboe und verschiedenen Flöten.