Zusammen singt man weniger allein – die Sinfonie der Tausend

Simon Halsey will die Welt ein bisschen besser machen - mit Singen. Und er kriegt sie alle. Prominente und Unbekannte. Er füllt nicht nur Hallen, sondern Bühnen. In Berlin kamen 1300, um miteinander zu singen

Simon Halsey beim Aufwärmtraining zu einer Gesangsprobe in der Berliner Philharmonie

Bildlegende: Der Meister aller Massen: Simon Halsey in seinem Element Kai Bienert

Die Berliner Philharmonie ist ein Ort der Hochkultur: das Zuhause der Berliner Philharmoniker, Gastspielort für Weltklasse-Orchester, ein Publikumsmagnet. Auch an diesem Sonntagmorgen Ende Januar. Und doch - etwas ist anders als sonst, denn heute hat das Publikum gewissermassen die Seiten gewechselt: über 1300 Singbegeisterte aus aller Welt sind gekommen, um beim Mitsingkonzert von Simon Halsey und dem Berliner Rundfunkchor den «Messias» von Georg Friedrich Händel zu singen.

Zwei der über 1300 sind die Berner Chorfreundinnen Marianne Cosandier und Claudia Isenschmid, an diesem Morgen schon seit Stunden auf den Füssen. Jetzt endlich ist der Tag gekommen, auf den sie sich seit Wochen freuen und zu Hause minutiös vorbereitet haben.

Die ohnehin dicke «Messias»-Partitur – heute wird die deutschsprachige Mozart-Fassung gesungen – ist noch dicker durch all die Post-its und Eselsohren, immerhin hat der Chor 17 Nummern zu singen. Und die Probenzeit ist begrenzt: zwei mal zwei Stunden und am frühen Abend schon das Konzert vor Publikum.

Yes, he can…

Von Hektik deswegen keine Spur. Der Urheber des ganzen Singe-Spektakels, Simon Halsey, er vermittelt in jeder Minute, dass man vor allem hier sei, um Spass zu haben. Was nicht heisst, dass er seinen Monster-Chor nicht ordentlich rannimmt und Präzision einfordert.

Aber wie er das macht: mit ansteckender Vitalität, locker und witzig, britisch-brillant. Ganz so, als habe man Starkoch Jamie Oliver mit Gotthilf Fischer gekreuzt, dem «Herrn der singenden Heerscharen». Halsey ist allerdings um einiges lässiger. Und beseelt vom Gedanken, mit dem Singen die Welt ein bisschen besser zu machen.

Nicht jammern, machen! Nicht draufhauen, singen!

Mitsingkonzerte, wie sie in Halseys Heimat Grossbritannien schon seit Jahrhunderten gepflegt werden, sind die eine Sache. Aber wie sein bester Freund Simon Rattle, geht auch Simon Halsey gezielt an die Wurzel des Problems.

Neben seiner Arbeit als Chef diverser Renommierchöre, realisiert er Projekte mit Migrantenkindern in Berliner Problembezirken oder vereint Führungskräfte und Manager in Chören, in denen sie singend Kommunikation üben und Miteinander trainieren.

Wo man singt, da lass Dich nieder…

Auch in der Berliner Philharmonie tauschen wildfremde Sangesfreunde Adressen aus, verspricht man, einander Schnappschüsse per E-Mail zu schicken, sich nächstes Jahr wieder zu treffen. So ein Tag schweisst zusammen. Und die rund 700 Zuschauer, Familienangehöre und Freunde, bekommen einen in jeder Hinsicht maximalen «Messias» geboten.

Grosses Raunen, als sich die 1300 zum ersten Mal erheben und ein Riesenjubel nach dem geglückten «Halleluja»-Chor. Die Damen Cosandier und Isenschmidt sind jedenfalls nachher ebenso wie fix und fertig wie glücklich, unvergesslich sei das gewesen. Und die Erinnerung an Simon Halseys «Wunnndebaaah!» macht noch Wochen später gute Laune.

Buchtipp

Simon Halsey, «Vom Konzept zum Konzert»,  Schott Verlag, 2011