Fallstudie zu Fake News Absurde Meldungen, dubiose Quellen – und jede Menge Klicks

Wie verbreiten sich Fake News im Netz? Deutsche Forscher untersuchten das empirisch – indem sie selbst erfundene Nachrichten in Umlauf setzten.

Ein Mann und eine Frau blicken ungläubig in einen Bildschirm.

Bildlegende: Fake oder real? Ein Versuch deutscher Forscher zeigt: Die meisten lesen, was in ihr Weltbild passt. Imago/Science Photo Library

  • Eine Gruppe deutscher Forscher führte eine Fallstudie zum Thema «Fake News» durch – sie verbreiteten diese selbst.
  • Über falsche Facebook-Profile und das vermeintliche Newsportal «Volksbeobachter» teilten sie erfundene Meldungen. Damit erreichten sie in rechten Kreisen ein grosses Publikum.
  • Dass die Quelle der Fake-Meldungen dubios war, schien vielen Empfängern gleichgültig zu sein.

Ein Café im deutschen Städtchen Lämmingsheim trägt seit über 60 Jahren den Namen «Mohrenkopf». Das missfällt der grünen Partei: Sie will das Traditionslokal schliessen. Diese Nachricht verbreitet sich auf Facebook, sorgt für erhitzte Gemüter und empörte Kommentare.

Nur: Die Ortschaft Lämmingsheim gibt es nicht, die Meldung über das Café «Mohrenkopf» ist frei erfunden. In Umlauf gebracht haben sie Forscher der Universität Hohenheim.

Gratis-Sex und Zuckerberg

Die Falschmeldung ist Teil eines wissenschaftlichen Experiments: Damit wollen die Medienwissenschaftler zeigen, wie «Fake News» sich im Netz verbreiten. Die Forscher richteten dafür ein Onlineportal mit dem Namen «Der Volksbeobachter» ein. Über dieses streuten sie in den sozialen Medien gezielt erfundene Nachrichten.

Korrigierte Seite «Volksbeobachter».

Bildlegende: Schon Layout und Name der Webseite «Volksbeobachter» hätten misstrauisch machen können. Screenshot/Volksbeobachter

Im April 2017 veröffentlichte «Der Volksbeobachter» vier Artikel: Neben der drohenden Schliessung des «Mohrenkopf» vermeldete er etwa, dass ein Bundesland Prostituierte für Asyl-Bewerber finanziere. Oder dass sich der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bei einem Flüchtling für eine Hetzkampagne entschuldige.

Ein neuer Freundeskreis

Um mit diesen Nachrichten in den sozialen Medien viele Menschen zu erreichen, legten zwei Mitarbeiterinnen der Studie sich falsche Profile auf Facebook an.

Sie folgten rechtspopulistischen Seiten, etwa der AFD, und vernetzten sich mit Nutzern, die dort aktiv sind. Eines der Profile hatte nach zwei Wochen bereits über 250 Freunde. Mit diesen teilten sie dann die erfundenen Artikel.

Zehntausende Augenpaare, hunderte Kommentare

Anhand der Beispiele zeigen die Forscher, welche Reichweite falsche Meldungen innert kürzester Zeit und mit wenig Aufwand erhalten. Jeder, der sich ein paar Stunden Zeit nimmt, könnte es ihnen gleichtun.

Die Nachricht über die Gratis-Prostituierten erreichte etwa innerhalb von vier Tagen auf Facebook über 11’000 Menschen. Der Artikel wurde 150 Mal geteilt und 270 Mal kommentiert.

Ob nun jedes Teilen aus ernster Empörung erfolgte – oder ob der Artikel etwa als Satire verstanden wurde, konnten die Forscher nicht untersuchen. Ein Teil der Kommentare waren aber eindeutig rassistisch motiviert.

Rassistische Kommentare unter dem Fake-News-Artikel.

Bildlegende: Die ARD-Doku zeigt, wie Facebook-User auf die Fake News reagierten. Screenshot/ARD

Wenig überraschend

Überraschend sind solche Reaktionen nicht: Denn genau darauf zielte der Name der Fake-News-Seite und die Themen der Artikel – wie Political Correctness, Sex und Flüchtlinge – ab. Vorhersehbar, dass solche Meldungen hohe Wellen werfen.

Auch dass in rechten Kreisen viele Fake News kursieren, ist nicht neu. Erst letzte Woche untersuchte das Newsportal «Buzzfeed», welche Artikel über Angela Merkel auf Facebook am häufigsten geteilt und kommentiert wurden. Unter den zehn erfolgreichsten Artikel waren sieben Falschmeldungen: Teils satirische, teils hetzerische Beiträge.

Gleiche Gesinnung, bestätigtes Weltbild

Der Versuch der Universität Hohenheim zeigt exemplarisch auf und belegt empirisch, wie solche Falschmeldungen sich auf Facebook verbreiten: Vor allem über gleichgesinnte Freundeskreise, so der Befund der Forschergruppe.

Dass die Quelle der Fake-Meldungen sehr dubios war, schien vielen Empfängern gleichgültig zu sein: Sie glaubten das, was in ihr Weltbild passte.

Dieses Phänomen ist gefährlich – es betrifft aber nicht nur rechte Kreise. Sondern im Grunde jeden, der sich über soziale Medien informiert.

Klarstellung geht unter

Denn es braucht dort nicht viele, aber laute und gut plazierte Stimmen, um grosse Reichweite zu erreichen: «Ein Grossteil dieser rechten Filterblasen, die wir so erleben, wird von relativ wenig Leuten verursacht, die aber immens aktiv sind», erklärte der Studienleiter Wolfgang Schweiger gegenüber ARD.

Die Artikel über das Café «Mohrenkopf» ist nun unübersehbar als «Fake News» gekennzeichnet. Schweiger und seine Mitarbeiterinnen entlarvten vor Kurzem ihre Meldungen auf Facebook als Fälschungen.

Allerdings: Diese Klarstellung erreichte viel weniger Menschen als die falschen Nachrichten.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Screenshot, 31.7.17, 17:40 Uhr

Doku

Ein Reporter begleitete das Projekt der Universität Hohenheim für eine Doku über Fake News. Sie wird bei ARD ausstrahlt.

Screenshot

Wir sprechen über aktuelle Geschichten und Debatten im Internet. Von Montag bis Donnerstag um 17.40 Uhr in der Rubrik «Screenshot» bei Radio SRF 2 Kultur.