Die Lügen im Wahlkampf, aufgespürt von der «Crowd»

Das öffentliche Fernsehen in Deutschland schickt seine Zuseher in einen Feldzug gegen die kleinen Lügen im grossen Kampf um ihre Wählerstimme. Im Bundestagswahlkampf zeigt das ZDF ein Beispiel des sogenannten «Crowdsourcing», das im deutschsprachigen Raum bisher einmalig ist.

Kurz vor einem der letzten Mai-Wochenenden hatte Udo Brechtel eine Nachricht des ZDF in seinem Postfach. Ob er doch bitte mithelfen wolle, eine Behauptung des Spitzenkandidaten der Grünen auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Jürgen Trittin behauptete, dass 90 Prozent der Steuerzahler mit dem Plan der Partei entlastet würden.

Es war einer der Schlüsselmomente in der Entstehung eines «Crowdsourcing»-Projektes, das es so im deutschsprachigen Raum noch nicht gab. Udo Brechtel ist kein Politiker, keiner der Experten, die sonst durch die Medien gezogen werden. Udo Brechtel ist Teil der «Crowd», der Internetnutzer, und diese sollte den ZDF-Journalisten nun bei der Recherche unter die Arme greifen.

Das Ziel: Unwahrheiten, Schummeleien und Tricksereien von Politikern im Wahlkampf aufzuspüren, mit einem Urteil zu versehen und so einen Internetpranger für leere Wahlkampfversprechen zu schaffen. Ein Konzept, das aus den USA vielen bekannt ist. Doch in Deutschland sollte die «Crowd» mithelfen.

«Crowd»-Kontrolle mit Wikipedianern

Kein einfaches Unterfangen: Nicht bloss, weil solche Projekte aufwändig und teuer sind. Sondern, weil die «Crowd» sich auf den Nachrichtenportalen von Massenmedien oft von ihrer unschönsten Seite zeigt. Schmuddelige Kommentarbereiche sind auch auf den Nachrichtenseiten des ZDF nicht unbekannt.

«Wir hatten am Anfang schon auch ein wenig Bauchweh», sagte Sonja Schünemann, die ZDF-Redakteurin, die das Projekt erdacht hat. Doch heute zeigt sich, dass auf dem Portal penible Recherchen zu komplexen Themen gemacht werden – auch von den journalistischen Laien aus der «Crowd». «Es hat sich gezeigt: Je komplizierter ein Thema, desto eher beteiligen sich auch die Fachleute, die Spass daran haben, sich so richtig in ein Thema reinzugraben», sagt Schünemann.

Zufällig ist dies jedoch nicht geschehen, sondern dank den Experten im «Crowdsourcing» schlechthin, denen der Wikipedia. Anfang Jahr hat sich Schünemann an die Wikimedia-Stiftung gewandt, die hinter der Online-Enzyklopädie steht. Ein «Wikipedianer in Residence» arbeitet jetzt in Berlin, Seite an Seite mit den ZDF-Journalisten, und involviert gezielt Wikipedianer.

Bürgerwut im Keim erstickt

Wikipedianer wie Udo Brechtel. Die E-Mail hatte er im Mai erhalten, weil er für das Thema, das «gecheckt» werden sollte, auf Wikipedia als Experte gilt. Er hatte an grossen Teilen der Artikel über die Einkommenssteuer in Deutschland mitgewirkt.

Um zu klären, wie viel Wahres hinter dem grünen Versprechen der Steuersenkung steckt, besorgte er Statistiken, machte Berechnungen und Grafiken, die den ZDF-Journalisten als Material für den Check dienten.

Brechtel war nie Journalist. Er ist pensionierter Ingenieur mit einer Begeisterung für Mathematik und Statistik, wie er in einer E-Mail beschrieb, und mit einer grossen Portion Skepsis gegenüber der Elite: «Die fragwürdige Kunst der aalglatten, tatsachenverdrehenden Rhetorik ist in der Politik und Wirtschaft leider weit verbreitet», schreibt Brechtel, «und es scheint immer schlimmer zu werden».

Seine Arbeit sei «Gold wert» gewesen, sagte Schünemann. Jedoch nicht bloss für die einzelne Recherche. Mit Qualitätseinträgen wie die von Udo Brechtel seien die für das Projekt unerwünschten Einträge mit politischer Meinungsmache oder Bürgerwut im Keim erstickt worden. «Da versucht man natürlich auch etwas qualitativ hochwertiges zu schreiben, wenn alle andern auf einem hohen Niveau argumentieren», sagte Schünemann. Wenige andere Beiträge seien nicht veröffentlicht worden.

Die ganz genaue Zeitung

«Stimmt fast», steht nun auf der Seite des «ZDF Check» neben Jürgen Trittins Behauptung, dass fast alle deutschen Steuerzahler von dem Grünen-Plan profitieren würden. Illustriert wird die wahre Behauptung mit einem grünen Barometer. Wer sich über das «fast» wundert, kann tiefer gehen.

Auf einem Bildschirm ist ein Barometer zu sehen, daneben steht «Stimmt fast».

Bildlegende: Teilweise geht es nur einen, teilweise einige Tage, bis ein Urteil gefällt wird. SRF, Michaël Jarjour

«Wir legen genau dar, wie wir recherchiert haben, wie wir auf das Fazit gekommen sind. Wir verlinken alle Statistiken, alle Statements. Wenn man sich das durchliest, dann versteht man gut, was die Knackpunkte an diesem Thema sind. Man ist, wenn man das gelesen hat, einfach eine ganze Ecke schlauer als vorher», sagte Schünemann.

Im Falle von Jürgen Trittin lag das «fast» daran, dass sich die Situation ändern würde, wenn ein anderer Plan der Grünen zum Gesetz würde. Eine Änderung, die allerdings erst in zehn Jahren zum Tragen käme, und deswegen den ZDF-Journalisten zufolge vernachlässigbar sei. Wahr genug also – vor allem verglichen mit den anderen Behauptungen auf der Seite. Mehr als zwei Drittel der Politikeraussagen waren ganz oder teilweise falsch.

Aussagen nach Check korrigiert

Doch unverbesserlich seien die Politiker nicht – nicht mal im Wahlkampf. Politiker hätten die Checks gut aufgenommen, sagte Schünemann. «Wir haben zu Beginn des Wahlkampfes gemerkt, dass in Sachen Steuerversprechen einiges durcheinanderging.»

In den kürzlich durchgeführten «Sommerinterviews» des Senders, hätten die Politiker ihre Zahlen korrigiert.

Dies dank der Arbeit von gut 26 Journalisten und einer «Crowd» von gut 250 Menschen, die freiwillig mitchecken und den Politikern den Spiegel vorhalten.

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