Die Mauer ist weg, fast ganz

In Berlin haben am 3. März 6000 Menschen gegen den Abriss von Teilen der «East Side Gallery» demonstriert, des grössten noch erhaltenen Stücks der Berliner Mauer. Bauprojekte nagen am kleinen Rest von Berlins Erinnerung. Bevor noch mehr abgerissen wird, ein Blick zurück, mit Fotos von 1979-89.

Bemalte Mauerstücke, dazwischen eine Lücke.

Bildlegende: Ein Stück ist schon weg. Weitere Mauersegmente der «East Side Gallery» sollen wegen eines Bauprojekts versetzt werden. Reuters / Fabrizio Bensch

Viel ist nicht mehr übrig von der Berliner Mauer. Fast 170 km lang waren einst die DDR-Grenzanlagen um West-Berlin. Heute stehen von der Grenzmauer nur noch drei Teilstücke, im Ortsteil Berlin-Mitte. Von der Hinterlandmauer, die weiter zurück platziert war, steht ein bisschen mehr. Das 1.3 km lange Stück, das die «East Side Gallery» bildet, ist mit Abstand das längste noch existierende Mauerstück.

Was die Mauer im Leben der Westberliner bedeutete, kann man sich im Internet auf aussergewöhnliche Weise vergegenwärtigen. Der Fotograf Jürgen Müller Schneck, der von 1984 bis 1990 in der DDR für den «Stern» akkreditiert war, stellt hier eine Reihe von Fotos elektronisch aus, die überschrieben sind mit «Fotos aus einer anderen Zeit». Es sind Fotos der Berliner Mauer, wie man sie noch nicht oft gesehen hat, Aufnahmen von 1979 bis 1989.

Die Mauer im Berliner Alltag

Beispielsweise eine Aufnahme der Heidelberger Strasse in Neukölln. Links im Bild: Ost-Berlin. Da stehen braungraue, schäbige Häuser. Die Mitte der Strasse nimmt die Mauer ein. Rechts im Bild: West-Berlin: Fenster mit Geranien davor. Fünf Meter vor der Hausfassade verläuft die Mauer.

Oder Kinder, die in Kreuzberg vor dem Mehrfamilienhaus Fussball spielen, drei Meter hinter ihnen die Mauer. Eine Familie in Mariendorf. Ein Planschbecken. Dahinter die Mauer. Und hinter der Mauer steht ein DDR-Wachtturm. Auf dem vermutet man einen Grenzsoldaten mit geladener Waffe.

Freizeitplausch versus Todesstreifen

Die Aufnahmen leben nicht zu einem geringen Teil vom Kontrast zwischen vermeintlicher Idylle und weltpolitischer, ja militärischer Spannung. Wenn Familie Schulz 1979 in Neukölln auf dem Sofa sitzt, Vater und Mutter und das Baby, und aus dem Wohnzimmerfenster schaut, so beansprucht die Mauer zwei Drittel der Aussicht. Den «Todesstreifen» mit den Hundelaufanlagen, den Suchscheinwerfern, den verminten Zonen, den Stacheldrahtverhauen braucht der Fotograf gar nicht zu zeigen. Sie sind auch so in den Köpfen vorhanden.

Spektakulär sind auf dieser Website nur Jürgen Müller-Schnecks Luftaufnahmen der Grenzbefestigungen. Sie zeigen, wie grausam die hässlichen Grenzschneisen die Stadt zerschnitten. Die Beiläufigkeit, mit der die Mauer im Freizeitplausch mit Planschbecken am westlichen Fuss der Mauer erscheint, verweist dagegen auf etwas zutiefst Menschliches: auf die Bereitschaft, ja die Notwendigkeit, sich in der Realität einzurichten und - zu leben.

Der Schrecken der Berliner Mauer endete ja erst 1989/90. Historisch gesehen war das erst gestern.