Die Website «Politifact»: Eine Datenbank der Lügen

Der amerikanische Journalist Bill Adair hat «Politifact» gegründet, um systematisch Politikeraussagen zu prüfen. Damit hat er einen weltweiten Trend ausgelöst. Aber nicht den Trend, den er erwartet hatte.

Auf einem Smartphone-Bildschirm ist ein Zitat eines US-Politikers zu sehen. Daneben ist ein sogenannter «Wahrheitsbarometer» zu sehen.

Bildlegende: Politifact Eine Datenbank der Lügen: «Politifact». Claudia Herzog/Bildmontage

Bill Adair hatte einen zwanzigstündigen Flug vor sich, als er sich mal wieder über seine Branche, die Nachrichtenbranche, ärgern musste. Auf der Website der «Washington Post» suchte er nach den besten neuen Serien der neuen TV-Saison, um sein Tablet mit Flug-Unterhaltung zu füllen. Auf der Seite fand er jede Serie kritisiert von seinem Lieblings-TV-Kritiker Hank Stuever, der jede Serie mit einer Note bewertet hat.

«Wie hilfreich wäre es da gewesen, wenn ich nun alle Serien hätte finden können, die mit der Bestnote bewertet wurden», sagte Adair kürzlich in einem Interview. «Doch das war unmöglich. Die Bewertungen waren versteckt in einem langen Textblock.»

Pionierarbeit bleibt unbemerkt

«Eine riesige verpasste Chance», fand Adair, aber auch ganz passend: Der Flug würde ihn nach Südafrika bringen, wo Bill Adair an einer Konferenz für «strukturierten Journalismus» werben wollte. Also dafür, Informationen auf neue Art und Weise zu erfassen, um sie Lesern auf vielfältigere und nachhaltigere Weise zugänglich zu machen.

Von dem Begriff «strukturierter Journalismus» hatte Adair selbst keine Ahnung, als er 2007 eine Plattform startete, die heute als Pionierprojekt im Bereich gilt: Politifact. Kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen an den Start gebracht, löste sie einen weltweiten Trend aus: Politikeraussagen systematisch auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.

Adair sagte, er sei noch heute überrascht, wie stark ein Aspekt dieses Projektes ignoriert wird: die Struktur. Oder, aus Nutzersicht: die Form. Denn die Standard-Form des Journalismus ist der Artikel. Der, den wir schon aus den ersten Zeitungen kennen: Schlagzeile, kurzer Anriss und ein langer Textblock, in dem alle Informationen versteckt sind – Zitate, Fakten oder eben Bewertungen von TV-Shows.

Datenbank von lügenden Politikern

Bei Politifact war das schon immer anders. Da ist das Herzstück nicht der Artikel. Im Zentrum stehen die Bewertungen von einzelnen Aussagen von Politikern und Meinungsmachern. Journalisten bewerten jede Aussage auf der gleichen Skala – von wahr bis unwahr. Alle werden gleich erfasst und verschlagwortet. So werden sie durchsuchbar, ganz einfach.

«Nehmen sie Rick Perry», nennt Adair ein junges Beispiel. Der Republikaner gilt als Kandidat für die Präsidentschaft in zwei Jahren, und eine seiner Aussagen erhielt kürzlich die schlechteste Note «Pants on fire» – die Bewertung für skrupellos Erfundenes. Das alleine hat schon einen Wert. Doch da ist mehr: «Wir können jetzt sehen: Wow, Rick Perry kriegt eine Menge ­‹Pants on fires› im Vergleich mit anderen US-Politikern. Und das sagt natürlich etwas aus.»

Bei anderen Zeitungen würden sich derartige Informationen in langen Artikeln verstecken, kaum auffindbar, nicht vergleichbar. Die Art der Erfassung, die Strukturierung der Inhalte ist der Schlüssel. «Die Struktur macht Politifact genau so einzigartig wie der Inhalt.»

Ohne Artikel zum Pulitzer

Die Inhalte, also Fakten-Checks, haben sich mittlerweile rund um den Globus verbreitet, und wurden gar mit dem prestigeträchtigen Pulitzerpreis ausgezeichnet.

Doch der andere Aspekt, das strukturierte Erfassen von Inhalten, setzt sich nur langsam durch, obschon es zentral ist: «Für mich schien es immer logisch, dass wir die einzelnen Checks aufbewahren und damit ein langfristiges Zeugnis ausstellen müssen», sagt Adair.

Das steigert den Wert der Inhalte, sowohl für die Jouranlisten wie auch die Leser. «Die Halbwertszeit wird viel länger.»

Doch diese Entwicklung ist schwerfällig. Denn erstmal braucht es Investitionen. Die Tools, mit denen Journalisten Inhalte heute fürs Internet aufbereiten, lehnen sich an denen an, mit denen Recherchen schon für physische Zeitungen aufbereitet wurden. Da gibt's ein Feld für den Titel, eines für den Anriss und einen für den Artikel — das reichte fürs Papier. Doch im Internet wäre viel mehr möglich.

Hohe Kosten lähmen den Trend

«Das ist nicht einfach ein zweiwöchiges Projekt oder eine einmonatige Recherche», sagte Adair. «Das ist eine grosse Herausforderung für Verleger, gerade in Zeiten, in denen gespart werden muss.»

Dass es sich dennoch lohnt diese Investitionen zu machen, erzählt Adair momentan jedem, der es hören will – auch an der Konferenz in Südafrika. Auf dem Flug hat er sich übrigens mit Altbewährtem unterhalten: den News-Satire-Sendungen «Daily Show» und «Colbert Report». Zwar nicht neu. Aber auch nicht schlecht.

Das Ende des Zeitungsartikels

Eine Mini-Serie zu «strukturiertem Journalismus»

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