Ein Blog setzt sich beharrlich für Grundrechte im Netz ein

«Netzpolitik» ist eine «Plattform für digitale Bürgerrechte». Vor zehn Jahren begann ihr Gründer Markus Beckedahl über netzpolitische Themen zu bloggen, obwohl das noch kaum jemanden kümmerte. Jetzt ist das Thema im Mainstream angekommen – und «Netzpolitik» für einen Grimme-Online-Award nominiert.

Transparent mit Bundeskanzlerin Merkel, die Kopfhörer trägt.

Bildlegende: Die Überwachung im Netz, eines der grossen Themen von «Netzpolitik». Flickr/Netzpolitik.org

Der Grimme-Online-Award ist der kleine Bruder des grossen Fernsehpreises – des Grimme-Preises. Und wie es der Name sagt: Er zeichnet herausragende Online-Angebote im deutschsprachigen Raum aus. Diesmal nominierte die Jury aus 1300 Vorschlägen deren 23. Ein paar Tage später dann eine Nachnomination: für die Kategorie «Spezial» die Website «Netzpolitik».

Der NSA-Skandal lange vor Snowden

Man hätte den Blog auch schon 2013 oder in den Jahren zuvor auszeichnen können. Denn «Netzpolitik» berichtet seit exakt 10 Jahren hartnäckig und unabhängig über Netzthemen in einer politischen Dimension. Und doch gibt es keinen besseren Zeitpunkt für den Preis als jetzt, im Jahr nach Snowdens Enthüllungen über die massenhafte Geheimdienst-Bespitzelung im Netz. Themen wie Überwachung und digitale Rechte sind im Mainstream angekommen – da ist es an der Zeit, jenen Mann auszuzeichnen, der sich für Grundrechte im Netz einsetzte, als es noch keinen interessierte: Markus Beckedahl.

Er ist Initiator und Betreiber von «Netzpolitik». Auch daneben tritt er als Spezialist für Internetthemen und Lobbyist für digitale Bürgerrechte in Deutschland auf. Es mag überraschen, wenn man liest, was Beckedahl 2002 dazu bewog, erstmals über Netzthemen zu bloggen: der NSA-Skandal – die systematische Internetüberwachung durch Geheimdienste. 2002? Da war doch Edward Snowden noch nicht mal bei der NSA. Doch den Skandal, «den gab es schon damals – hat aber niemanden interessiert», sagte Beckedahl in einem Interview.

Behutsam gewachsen und solide finanziert

Gründer und Betreiber von «Netzpolitik»: Markus Beckedahl.

Bildlegende: Gründer und Betreiber von «Netzpolitik»: Markus Beckedahl. Fiona Krakenbuerger

Inzwischen ist «Netzpolitik» behutsam gewachsen. Drei Personen und eine Praktikantin bilden die feste Redaktion in Berlin, dazu kommen über 30 Leute – die «virtuelle Redaktion». Sie schreiben, kommentieren, produzieren Podcasts oder Videos, viele in Berlin oder Brüssel – da, wo die relevanten Entscheidungen getroffen werden.

«Netzpolitik» ist in der Zwischenzeit solide finanziert, nach Experimenten und nachdem User in aufwändigen Debatten ihre Meinungen einbringen konnten. Die Hälfte der Ausgaben wird durch Werbung gedeckt, der Rest durch Spenden. «Das macht uns unabhängig und stolz», so Beckedahl.

Gleichwohl: starre Abläufe oder Artikelvorgaben kennen sie nicht. Die Experten von «Netzpolitik» schreiben, wann immer sie Lust und Zeit haben. «Aussenstehende, vor allem solche mit journalistischem Hintergrund, können manchmal nicht verstehen, dass das so funktionieren kann – tut es aber», beschrieb es Beckedahl. Und auch wer welchen Artikel wie oft anklickt, möchte er lieber nicht zu genau wissen: ohne Quotendenken bloggen zu müssen, befreie ungemein. «Für uns gibt es viele wichtige Themen, die wir nicht fallen lassen wollen, weil sie gerade nicht besonders klickreich sind. Davon wollen wir uns nicht abhängig machen», schreibt Beckedahl.

Die Redaktion will wachsen

Seit 2004 wurden bei «Netzpolitik» 14‘000 Artikel veröffentlicht. Schwerpunkte, bei denen der Blog beharrlich dranblieb und bleibt, sind etwa das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA und natürlich der NSA-Skandal. Aber auch Schweizer Themen werden behandelt, etwa wenn die hiesige Politik sich um Netzneutralität oder Vorratsdatenspeicherung kümmert.

Die Themenfelder wachsen ständig, es habe mittlerweile solche Dimensionen erreicht, «dass wir es im Moment gar nicht mehr wirklich schaffen, alle relevanten Sachverhalte und Vorgänge zu beschreiben, einzuordnen und zu kommentieren», so Beckedahl. Die Redaktion wird also wachsen müssen – und dereinst vielleicht auch seine Strukturen anpassen. Der Grimme-Preis jedenfalls, auch wenn er nicht dotiert ist, kommt genau richtig.

Der Grimme-Online-Award

Das Grimme-Institut vergibt jedes Jahr Preise für Fernsehen, Radio und Online. Den Fernsehpreis gibt es seit 1964, den Grimme-Online-Award seit 2001. Er prämiert in den Kategorien Information, Wissen/Bildung, Kultur/Unterhaltung sowie Spezial herausragende Online-Angebote. Zudem gibt’s den Publikumspreis. Preisverleihung ist am 27. Juni.