Ein Wikipedia für düstere Zukunftsvisionen

Seit der NSA-Affäre ist «1984» von George Orwell wieder in aller Munde – und die Frage, ob Dystopien in der Literatur nicht doch ernster genommen werden sollten. Die Website «Dystopia Tracker» will nun die Gesellschaft darauf sensibilisieren, wie Technologie unser Leben verändert.

Augen in einem überdimensionerten Männergesicht folgen einem laufendem Mann.

Bildlegende: Die meisten Dystopien finden sich zum Thema «Staat und Kontrolle». Flickr/Thomas Leuthard

Dystopien sind ein beliebtes Thema in Literatur, Film und Games. Solche fiktionalen, in der Zukunft spielenden Erzählungen, lassen uns nicht unberührt: Sie lösen vielleicht ein Schaudern aus, aufgestellte Nackenhaare, mehr nicht. Doch müssten wir Dystopien ernster nehmen? Haben Edward Snowden und die NSA-Affäre unseren Blick geschärft?

Einer, der sich mit dieser Thematik befasst, ist David Bauer, New-Media-Journalist aus Basel. Er sammelt auf der Website «Dystopia Tracker» Dystopien aus Literatur, Film und Games. Die Website ist Ende Mai als kollaboratives Projekt gestartet: Jeder kann mitmachen und Zitate aus Dystopien erfassen. Der Tracker soll diese Visionen aus den einzelnen Anekdoten rausholen und in den Kontext eines grossen Ganzen stellen.

Direktlinks zu Amazon

Die Beiträge werden Bereichen zugewiesen wie «Staat und Kontrolle», «Körper und Geist» oder «Arbeit und Wirtschaft», die meisten bisher dem Thema «Staat und Kontrolle». «Ein Thema, das in sehr vielen Dystopien vorkommt, egal, wie sie letztlich ausgerichtet sind», erklärt David Bauer. Er setzt auf die Selbstregulation der User, die die Möglichkeit haben, bereits erfasste Beiträge zu korrigieren – ein Wikipedia für Dystopien also.

Von jedem Eintrag aus führt ein Link zum entsprechenden Film, Buch oder Game bei Amazon. «Kauft ein Besucher des ‹Dystopia Trackers› bei Amazon ein, erhalten wir eine kleine Provision, was uns hilft, die Weiterentwicklung der Plattform zu finanzieren», sagt David Bauer.

Kein Weltuntergangsprophet

Die Einträge zeigen: Die Menschen scheinen sich vor allem für Dystopien aus aktuellen Werken zu interessieren. Dazu David Bauer: «Dystopien, die heute geschrieben oder gefilmt werden, brauchen aufgrund der technologischen Entwicklungen nicht mehr 20 Jahre, bis einzelne Element daraus realisiert sind. Das werden eher Zeiträume von drei bis fünf Jahren sein. Was das Ganze natürlich umso spannender macht.»

Wer sich David Bauer nun als pessimistischen Weltuntergangspropheten vorstellt, liegt falsch. «Ich glaube durchaus, dass Technologie eine positive Rolle in unserer Zukunft spielen kann.» Unter der Bedingung, dass wir uns bewusst seien, welche Folgen das alles haben könne. Und dass wir uns sehr kritisch mit diesen Entwicklungen auseinandersetzten. «Wenn der ‹Dystopia Tracker› da einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, bin ich schon ganz glücklich damit.»

Die Expertin lobt den Wiki-Ansatz

Eine Expertin in Sachen Dystopien ist Literaturwissenschaftlerin Manuela Kalbermatten von der Uni Zürich. Sie hat die Website genauer unter die Lupe genommen. «Da steht Weltliteratur neben populären Filmen und Games: die Site zeigt einen Querschnitt und keine Rangordnung, es wird eine Gleichberechtigung geschaffen zwischen ganz unterschiedlichen Medien. Ein interessanter und fruchtbarer Ansatz», so ihr erster Eindruck. Vielversprechend findet sie den Wiki-Ansatz: «Kulturkritik kommt hier nicht von oben, sondern jeder wird dazu ermuntert, seine eigenen Beobachtungen und Überlegungen mitzuteilen.»

Interpretationen sind teils fragwürdig

Die Interpretationen der User, wie Dystopien Realität geworden sind, findet sie zum Teil jedoch fragwürdig. Ray Bradbury beispielsweise thematisiert in «Fahrenheit 451» die Bücherverbrennung. Ein User sieht darin eine Verbindung zur Situation heute, dass eBooks «entfernt, genommen oder getauscht werden, ohne dass es bemerkt wird». «Das finde ich an den Haaren herbeigezogen und vor allem verharmlosend.» Auch der Direktlink zu Amazon fällt ihr negativ auf. «Dadurch erhält die Site einen doch sehr kommerziellen Aspekt.»

Dystopien: Kritik an der Gegenwart und nicht Zukunftsvisionen

Generell hinterfragt Manuela Kalbermatten die Message der Website. «In Dystopien geht es weniger darum, eine Prognose für die Zukunft zu stellen, als die Gegenwart zu kritisieren: indem sie diese satirisch überspitzt in die Zukunft projizieren.» Aldous Huxley beispielsweise habe mit «Brave New World» nicht einfach ein Zukunftsszenario entworfen. «Er schrieb gegen Utopien mit kollektiven Glücksversprechen an und kritisierte unter anderem den Kapitalismus und die Fliessbandproduktion seiner Zeit.»

So wie der «Dystopia Tracker» aktuell daherkommt, findet Manuela Kalbermatten ihn unterhaltsam. Seine kulturkritische Aussagekraft hält sie aber noch für begrenzt. Doch die Website ist noch in Entwicklung: Geplant ist etwa eine Timeline, die die Dystopien in Relation bringen wird.

Definition «Dystopie»

Eine Dystopie (englisch dystopia) ist eine Gegenbildung zu Utopie – eine Anti-Utopie. Die Literaturwissenschaft meint damit eine fiktionale, in der Zukunft spielende Erzählung mit oftmals negativem Ausgang. Sie handelt von einer Gesellschaft, die sich zum Negativen entwickelt. (Quelle: Wikipedia)

«Dystopia Tracker»

Der «Dystopia Tracker»dokumentiert gemäss David Bauer, was in Literatur und Filmen für die Zukunft vorausgesagt wurde – und was davon bereits Realität geworden ist. Inhalte beisteuern können alle. Der «Dystopia Tracker» wurde von Bauer in Zusammenarbeit mit Journalism++ und mit Unterstützung der Rudolf Augstein Stiftung realisiert.