Fotojournalismus im Netz – ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Immer mehr Newsseiten führen eigene Foto-Blogs und erzählen ihre aktuelle Geschichten mit vielen Bildern und wenig Worten. Die immer populärere Fotoberichterstattung geht auf einen erfolgreichen Bild-Blog des «Boston Globe» aus dem Jahr 2008 zurück.

Blick auf den Finanzdistrikt Pudong in Shanghai.

Bildlegende: Chinas schlechte Luft ist längst ein politisches Problem: Blick auf den Finanzdistrikt Pudong in Shanghai. Reuters

Die Webseiten, auf denen wir täglich Nachrichten lesen, sind von Person zu Person verschieden. Die Form aber wie wir diese Inhalte konsumieren, ist oft dieselbe: Die Artikel bestehen meist aus Titel, gefolgt von einem grossen Bild und schliesslich der Nachrichtenmeldung. Doch nicht alle setzen auf diese klassische Form. Immer mehr Newsseiten geben dem Bild mehr Gewicht und haben damit der Bildberichterstattung zu einem Revival verholfen.

Vier Millionen Besucher in zwei Monaten

Als der «Boston Globe» im Jahr 2008 seinen Bildblog «The Big Picture» startete, ahnte noch niemand, dass daraus schon bald eine der erfolgreichsten Seiten der renommierten Zeitung werden würde. Über vier Millionen Leute besuchten die Seite in den ersten beiden Monaten. Auf der Seite, die von drei Bildredaktoren gemacht wird, findet man viele thematisch geordnete Bildstrecken. Die Themen reichen von schockierenden Aufnahmen aus Afghanistan oder Mali, über leuchtende Feuerwerke vom chinesischen Neujahrsfest bis zu spannenden Momentaufnahmen des täglichen Lebens rund um den Globus. Das ist Bildberichterstattung ganz in der Tradition von Magazinen wie «National Geographic» oder «Life Magazine».

Wer eine herkömmliche Bildergalerie erwartet, irrt. Die Bilder auf «The Big Picture» nehmen mit ihrer Grösse fast den ganzen Bildschirm ein und sind untereinander angeordnet – nicht etwa auf verschiedenen Seiten. Das hat den Vorteil, dass man kein einziges Mal klicken muss, um sich die Bildstrecke anzusehen. Man fährt bequem mit dem Scrollrad der Maus in der Strecke vor- und zurück – als ob man sich einen qualitativ hochwertigen Fotoband ansehen würde. Die Bildlegenden sind minimal gehalten, um die Wirkung der Bilder nicht zu beeinflussen. Verstörende oder besonders blutige Kriegsbilder sind standardmässig ausgeblendet und werden nur per Mausklick angezeigt.

Innovatives Bild-Recycling

Das Spannende an dieser Art von Berichterstattung ist: Eigentlich wird durch eine andere Verwertung von bereits bestehendem Material ein enormer Mehrwert erzielt. Die verwendeten Bilder sind nicht etwa exklusive Aufträge für den «Boston Globe». Alle Aufnahmen stammen von Fotoagenturen wie Getty, Reuters oder AP und sind den meisten Medien zugänglich.

So ist die Kombination aus kompetenter Bildredaktion, guter Themenwahl und extrem benutzerfreundlicher Darstellung der Bildstrecken schliesslich das Erfolgsrezept von «The Big Picture». Auch auf Facebook oder Twitter sind die «Big Picture»-Bildstrecken äusserst populär – sie scheinen den Konsumverhalten vieler Webnutzer zu treffen.

Natürlich gibt es keine Erfolgsstory ohne Nachahmer. Mittlerweile bieten viele grosse Newsseiten einen fotojournalistischen Zugang zu aktuellen Themen an. So gehört der Blog «In Focus» des Magazins «The Atlantic», der 2011 von einem ehemaligen Mitglied von «The Big Picture» ins Leben gerufen wurde, bereits zu den führenden Angeboten aus diesem Bereich. Auch die «New York Times», «Wall Street Journal», BBC, CNN, «LA Times» oder «Foreign Policy» haben mittlerweile ihren eigenen Foto-Blogs. Das ist zu begrüssen, denn viele Geschichten erzählen sich immer noch am besten ohne viele Worte.