Tipps gegen Daten Per Erziehungs-App zum perfekten Kind?

Diese App klingt für viele Eltern nach Alptraum. Muse gibt Erziehungstipps – im Tausch gegen Zeichnungen und Daten.

Ein Vater mit Tochter und Smartphone in der Hand.

Bildlegende: Welches Buch lesen wir heute? Den Tipp gibt's von der Erziehungs-App «Muse» per Push-Nachricht. Imago/Westend61

Worum geht's?

Darf mein Kind mitentscheiden, was auf den Tisch kommt? Welches Buch soll ich ihm vorlesen? Und was soll ich tun, damit es sich frei entfalten kann?

Eine amerikanische App verspricht Eltern Hilfe bei diesen Fragen. «Muse» ist das digitale Pendant zu den Ratgebern im Buchladen – oder den Schwiegereltern, die mit Tipps zur Seite stehen: eine künstliche Intelligenz (KI), die aus dem Verhalten des Kindes lernt.

Die App soll aus Kindern bessere Menschen machen. Das behaupten zumindest die Entwicklerinnen – eine Neurowissenschaftlerin und ihre Frau, eine Pädagogin. Sie haben selbst zwei Kinder, die sie mit Hilfe ihrer App erziehen. Laut eigenen Angaben nutzen sie in den USA bereits rund 1000 Väter und Mütter.

Die Journalistin des deutschen Tech-Portals «Wired» hat die App vor Kurzem getestet. Sie erhielt per Push-Nachricht Tipps und Erinnerungen auf ihr Smartphone. Die App schlug etwa altersgerechte Spiele vor, bei denen ihr Sohn etwas lernte. Das Programm gab vor, über welche Themen sie mit ihm reden soll.

Vor allem aber stellte es viele Fragen. Etwa: «Wann warst du mit deinem Sohn in der Bibliothek?» Oder: «Worüber habt ihr heute gesprochen?»

Neben Antworten sollte die Journalistin auch Zeichnungen oder Ton-Aufnahmen ihres Sohnes hochladen, damit «Muse» sie auswerten kann.

Warum ist's interessant?

So viel Intimes über das eigene Kind preiszugeben – das klingt wohl für viele wie ein Alptraum. Wie genau die Daten ausgewertet werden, ist schleierhaft.

Aber sie sollen dazu dienen, dass die App dazu lernt. Dass sie Dinge erkennt, bevor die Eltern sie realisieren. Dass sie dort eingreift, wo Eltern und Schule oft versagen.

Wenn etwa der Algorithmus merkt, dass ein Kind nicht in das klassische Rollen-Schema von Junge oder Mädchen passt, passt er die Tipps entsprechend an. Denn das Kind soll seine Identität möglichst frei entwickeln können.

Ein Baby durch die Kamera eines Smartphone betrachtet.

Bildlegende: Künstliche Intelligenz soll aus Kindern perfekte Menschen machen. Imago/Westend61

Muse ist nicht die erste App, die das Thema Erziehung als Geschäftsfeld entdeckt.
In den USA tüfteln mehrere Start-Ups an ähnlichen Programmen.

Es gibt unterdessen Schulen, die mit intelligenter Technologie den Unterricht gestalten: Eine KI erstellt je nach Lerntempo von Kindern individuelle Stundenpläne.

Während man in Schweizer Schulen noch nicht einmal recht begonnen hat, über digitale Bildung zu sprechen, mischen anderswo private Unternehmen schon in der Kindererziehung mit.

Die Journalistin, welche die App getestet hat, meint: Muse habe sie manchmal inspiriert und ihr ihre Rolle als Erzieherin bewusster gemacht. Persönliches über ihr Kind einem Unternehmen zur Verfügung zu stellen, das habe ihr aber nicht unbedingt das Gefühl gegeben, eine bessere Mutter zu sein.

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